Vierte Säule: Wir schlittern in eine Pro-Kopf-Rezession

Als die Schweizerische Nationalbank am 15.Januar die Eurountergrenze zum Franken aufhob, ertönten subito warnende Stimmen, die Schweiz könnte in eine Rezession schlittern. Das Wort Rezession lässt die Eidgenossen erschaudern.

Eine Rezession scheint schlimmer zu sein, als wenn die Einbruchrate steigt, wenn immer mehr Leute depressiv werden, wenn die Staumeldungen auf Schweizer Strassen immer länger werden, wenn die Ozonwerte stets nach oben klettern oder wenn der selbst auferlegte Stress am Arbeitsplatz nicht nachlassen will.

Doch die Credit Suisse vermochte das Gemüt der Schweizerinnen und Schweizern zu besänftigen: Sie sagte für 2015 ein Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent voraus. «Die Schweiz schrammt an einer Rezession vorbei», titelte die «Handelszeitung». Uff, noch einmal gut gegangen. Wir können Entwarnung geben.

Können wir das wirklich? Halten Sie sich fest, liebe Leser: In Tat und Wahrheit sind wir auf Rezessionskurs. Denn trotz des letztjährigen Volksentscheids gegen eine Masseneinwanderung hält diese unvermindert an. Im 1.Quartal hat die Bevölkerungszahl in der Schweiz um 23000 zugenommen; also noch stärker als im Vorjahresquartal. Somit dürfte die Nettozuwanderung auch im laufenden Jahr über 80000 Personen betragen. Auf eine Bevölkerung von rund 8 Millionen entspricht das einem Nettozuwachs von 1 Prozent.

Wenn also die Wirtschaft bloss um 0,8 Prozent wächst, die Bevölkerung in der Schweiz aber um 1 Prozent zunimmt, so ist das alles entscheidende Pro-Kopf-Wachstum negativ.

Womit ich nicht gesagt haben will, dass mit dem Pro-Kopf-Wachstum auch die Lebensqualität abnehmen wird. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall. In einer gesättigten Wirtschaft kann man Glücksgefühle nicht mit Wachstum erkaufen. Das haben Glücksforscher schon längst erkannt.


Erschienen in der BZ am 21. Juli 2015

Claude Chatelain