Das Hotelzimmer schwimmt mit

Die MS Emerald Dawn: Das 135 Meter lange Kreuzfahrtschiff gleitet mit maximal 182 Passagieren an Bord elegant und fast geräuschlos übers Wasser.
Die MS Emerald Dawn: Das 135 Meter lange Kreuzfahrtschiff gleitet mit maximal 182 Passagieren an Bord elegant und fast geräuschlos übers Wasser.

Gutes Essen, kein täglicher Kofferpackstress – und in den Kabinen sind die Sessel nicht gegen das TV, sondern gegen das Fenster gerichtet: Eine Kreuzfahrt mit der MS Emerald Dawn entlang der Wasserstrassen von Holland und Belgien ist etwas für entspannte Geniesser.

«Wer war schon mal auf einer Flusskreuzfahrt?» Zwar nicht ganz die Hälfte, doch immerhin ein grosser Teil der im Salon der Emerald Dawn versammelten Passagiere hebt die Hand. Gibt es eine bessere Werbung für diese Art des Reisens? Wir sitzen im Salon des 135 Meter langen und 11,4 Meter breiten Kreuzfahrtschiffs im Hafen von Amsterdam. Die Reiseleiterin von Rivage Flussreisen gibt erste Informationen über Verhaltensregeln. Verlasse man das Schiff, müsse man bei der Réception ein Kärtchen in der Grösse einer Kreditkarte verlangen, sagt sie, der Mann das blaue, die Frau das gelbe. Kehrt man zurück, gibt man die Karte zurück. Somit weiss die Crew, ob beim Ablegen alle an Bord sind. Noch bleibt aber das von Rivage gecharterte Schiff der australischen Reederei Scenic Cruises einen halben Tag in der Grachtenstadt, damit die Passagiere eine Rundfahrt in ebendiesen Grachten unternehmen können. Auch sonst bleibt noch Zeit, in Amsterdam zu flanieren.


Keine Zeit bleibt jedoch dafür, das Haus der Anne Frank oder das Museum mit den Werken von Vincent van Gogh zu besuchen. Die Warteschlangen sind zu lang. Entwarnung: Am letzten Tag der achttägigen Reise ankert die Emerald Dawn nochmals am Hafen der niederländischen Hauptstadt. Genügend Zeit, all das zu besuchen, wozu am ersten Tag die Zeit nicht reichte.

Vorbei an einer der vielen Mühlen von Kinderdijk.
Vorbei an einer der vielen Mühlen von Kinderdijk.

«Bus und Fluss – das passt», sagt der Rivage-Verantwortliche Dominik Trösch. «Der Weg ist das Ziel.» Selbstverständlich könnte man Hoorn, Rotterdam, Antwerpen, Maastricht, die Mühlen von Kinderdijk und die Deltawerke in der Provinz Zeeland auch mit dem Bus oder dem eigenen Wagen ansteuern. Doch im Schiff ist es in mehrfacher Hinsicht bequemer: Das Hotelzimmer fährt mit. Nicht nötig, täglich die Koffer zu packen und wieder auszupacken. Die vorbeiziehende Landschaft betrachtet man nicht aus dem Busfenster, sondern aus dem Hotelzimmer. Wer mag, geht aufs Sonnendeck oder in den Salon oder in den Swimmingpool im Heck des nigelnagelneuen Schiffs.

Die maximal 182 Passagiere schlafen nicht in Kajüten, sondern in Kabinen. Man könnte getrost auch von Hotelzimmern sprechen. Der Unterschied zu einem konventionellen Hotelzimmer liegt höchstens in der Fensterfront: Die Stühle sind nicht gegen den Fernseher gerichtet, sondern gegen das Fenster. Französischer Balkon nennt sich das. Romantiker lassen nachts die Vorhänge offen und schauen beim Einschlafen zum Fenster hinaus. Freilich mit dem Risiko, dass mitten in der Nacht ein blendender Scheinwerfer den Schlaf stört, wenn das Schiff gerade eine der vielen Schleusen passiert.

 

Wie auf Hochseekreuzfahrten kommt man auch bei Flusskreuzfahrten kulinarisch nicht zu kurz: Frühstücksbuffet, dreigängiges Mittagessen, viergängiges Nachtessen, Kaffee und Kuchen am Nachmittag, ein kleiner Snack vor Mitternacht, so man will. Wer mag, dem wird zum Frühstück ein Cüpli kredenzt. Dennoch benutzen die Gäste die drei Geräte im Fitnessraum kaum, um die zugelegten Kalorien wieder zu verbrennen. Man hat anderes zu tun: Lesen, die vorbeiziehende Landschaft betrachten, noch mehr essen. Schliesslich dauert die Reise von einem Hafen zum andern nicht Tage, sondern Stunden. Überschüssige Kalorien wird man dagegen beim Schlendern durch die angepeilten Städte los. Reiseleiter warten am Quai, um ausgewählte Sehenswürdigkeiten vorzustellen. Nicht immer lohnt es sich, ihnen zuzuhören und der Gruppe zu folgen. So wird man sich diskret absetzen, um auf eigene Faust das eine oder andere anzusehen oder um in einer Strassenbeiz dem Treiben zuzuschauen.

Vorbei an einer der vielen Grachten von Amsterdam.
Vorbei an einer der vielen Grachten von Amsterdam.

Preis und Leistung stimmen

 

Eine Woche Vollpension auf der Emerald Dawn kostet im Mitteldeck 2115 Franken, inklusive der Fahrt im Eurobus von der Schweiz nach Amsterdam und zurück. «Das ist sehr günstig. Ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.» Der dies sagt, ist Hans Stieger, der ebenfalls auf der Reise mit dabei ist. Stieger muss es wissen, denn der Churer betreibt einen Kreuzfahrtblog. Kreuzfahrten sind sein Hobby. Noch günstiger, nämlich 1190 Franken, ist die Reise im sogenannten Hauptdeck, was ein Schiffsbanause als Untergeschoss bezeichnen würde. Hier sieht man freilich nur stehend zum Fenster hinaus.


«Die Zimmer im Hauptdeck werden weniger gefragt als jene im Mittel- oder im Oberdeck», weiss Rivage-Leiter Dominik Trösch. «Vielen Gästen ist der französische Balkon einen Aufpreis von einigen Hundert Franken wert.» Die Ausflüge sind nicht im Preis inbegriffen. Man kann sie en bloc im Voraus buchen oder einzeln an Bord. Man weiss ja nicht im Voraus, zu was man an einem bestimmten Tag Lust hat, ob man den Reiseführern folgen oder auf eigene Faust losmarschieren möchte. Zu empfehlen ist der Busausflug zu den Deltawerken zum Schutz gegen Hochwasser und Sturmfluten. Eindrücklich, welchen Aufwand die Niederländer betreiben, um Flutkatastrophen wie jene von 1953, als im Süden des Landes 1835 Menschen ums Leben kamen, zu verhindern. Von Antwerpen aus steht zudem ein Busausflug nach Brügge im Angebot, bei dem man je nach Stau insgesamt gegen vier Stunden im Bus sitzen wird. Wer mag, flaniert stattdessen durch die Rubenstadt Antwerpen.

Happige Trinkgelder

 

Ebenfalls nicht inbegriffen im Preis sind Trinkgelder. Für Kreuzfahrtneulinge mag es befremdend wirken, wie da von offizieller Seite erklärt wird, was die Leute an Trinkgeldern erwarten: sechs bis acht Euro pro Person und Tag für die Schiffscrew, zwei Euro pro Person und Tag für die Reiseleiterin von Rivage. «Das ist üblich», bestätigt Kreuzfahrtspezialist Hans Stieger. Das Vorgehen sei noch gnädig, da niemand gezwungen sei, die deklarierten Beträge ins Couvert zu stecken. Auf gewissen Hochseekreuzfahrten müssten Trinkgelder mit der Rechnung der Getränke bezahlt werden – und zwar nicht freiwillig.


Erschienen in der BZ am 14. Juli 2015

 


INFOTHEK

Diese Reise wurde unterstützt durch Rivage Flussreisen. Rivage Flussreisen ist eine Marke von Eurobus, die ihrerseits der Knecht-Gruppe aus Windisch AG gehört. Unter das Dach von Knecht sind im Verlauf der Jahre zahlreiche Firmen mit etablierten Marken geschlüpft wie Berner und Wanzenried, Fröhlich Reisen, Car Rouge oder die auf Flussreisen spezialisierte Geriberz.


Claude Chatelain