Vierte Säule: Über Angela, François und die schöne Helena

Heute erzähle ich die Geschichte einer schrecklich unglücklichen Familie. Da ist die strenge Mutter Angela, korrekt, zielstrebig, vielleicht auch ein bisschen stur. Sie hat die Hosen an und durchaus das Zeug zu einer guten Mutter. Ihr zweiter Ehemann François ist ein jovialer, sympathischer Typ. Bei ihm hat man den Eindruck, dass er sich nicht so sehr um die Kinder kümmert. Er hat selber genug Probleme.

Einige Kinder sind Musterschüler; andere tun sich recht schwer, scheinen aber auf dem Weg zur Besserung zu sein. Sie haben Geldsorgen und hohe Schulden. Ihre Eltern waren halt schlechte Vorbilder. Und da ist noch das uneheliche Kind Helena, ein wunderschönes Kind. Aber es ist das Produkt eines Unfalls. Es passte nie so richtig zur Familie. Doch insbesondere Mutti Angela hat Helena wahnsinnig gern.

 

Die Eltern sind  nicht dumm. Auch Verantwortungslosigkeit kann man ihnen nicht vorwerfen. Und doch machten Angela und ihr früherer Ehemann Nicolas einen folgenschweren Fehler in der Erziehung: Sie überschütteten die schöne Helena mit Geld. Deshalb passierte, was immer mit verwöhnten Kindern passiert: Helena verschuldete sich fürchterlich. Sie hat nie gelernt, haushälterisch mit Geld umzugehen.

 

Mutter Angela war völlig überfordert. Von François hörte man immer weniger. Ihm werden Frauengeschichten nachgesagt. Deshalb betraute Angela ihren Buchhalter Wolfgang, sich des unerzogenen Sprösslings anzunehmen. Der aufmüpfigen Helena fiel nicht ein, den Weisungen von Wolfgang zu folgen. Und vor allem sah sie sich ausserstande, die Schulden auch nur annähernd  abzustottern. Im Gegenteil: Sie verlangte noch mehr Geld, bis Wolfgang der Geduldsfaden riss und kurzerhand den Geldhahn zudrehte. Wolfgang möchte Helena am Liebsten nach Troja schicken. Angela hat die Hoffnung auf Besserung scheinbar noch nicht aufgegeben.

 

Leider fehlt mir hier der Platz, auch noch die Geschichte einer fernen Verwandten zu erzählen. Sie heisst Helvetia. Angela hätte gerne eine derart wohlgeratene Tochter in ihrer Familie. Doch Angelas Verhältnis zu Helvetia blieb stets kühl. Vielleicht ist sie auch ein bisschen neidisch. Dabei unterstützt Helvetia die unglückliche Familie auch finanziell – und dies nicht etwa knapp.

 

Erschienen in der BZ am 7. Juli 2015

Claude Chatelain