Die Schweizer mieden tunesische Strände schon vor dem Anschlag

Die Schweiz stellte in den achtziger und neunziger Jahren die viertgrösste Gästegruppe in Tunesien. Heute figuriert sie in der Statistik unter ferner liefen.

Es braucht keine hellseherische Fähigkeiten, um für den Tourismus in Tunesien zumindest kurzfristig eine schwarze Zukunft zu prophezeien. Doch der Rückgang der Strandtouristen aus der Schweiz wird für tunesischen Hoteliers verkraftbar sein.  Die Schweizer reisen schon längst nicht mehr so zahlreich nach Sousse oder Hammamet.


In den achtziger und neunziger Jahren stellte die Schweiz nach Frankreich, Deutschland und England die viert- oder fünftgrösste Gästegruppe, etwa gleichauf  mit den Niederlanden. Doch heute sind Schweizer so etwas wie eine Quantité négligeable. Das gilt insbesondere für Sousse; weniger jedoch für Djerba im Süden Tunesiens, nahe an der Libyschen Grenze.


 «Überzeugen Sie sich selbst, wie sicher und unproblematisch Ferien in Tunesien sind». So  ungefähr lautete der Tenor bei einer Medienreise im Frühjahr 2012, gut ein Jahr, nachdem der langjährige Machthaber Zine al-Abidine Ben Ali  in die Wüste, nach Saudiarabien, verjagt wurde.  So starteten die Verantwortlichen unter dem damaligen Tourismusminister Elyes Fakhfakh eine Offensive, um  die wegen ihrer hohen Nebenausgaben beliebten  Schweizerinnen und Schweizer wieder ins Land zu locken.


Doch 2012 war das Jahr, in welchem hierzulande tunesische Wirtschaftsflüchtlinge  fast täglich für negative Schlagzeilen sorgten. Das war alles andere als eine gute Werbung für die Sonnendestination Tunesien. Hoteliers in Sousse machten zudem das schweizerische Departement für auswärtige Angelegenheiten für die mangelhafte Präsenz von Schweizerinnen und Schweizern  verantwortlich. Es warnte  vor Reisen nach Tunesien — und das deutlich schärfer als zum Beispiel Österreich. Dabei habe seit der Revolution nicht ein einziger Tourist  Schaden genommen, erklärte  im Oktober 2013 Mokhtar Charfeddine, der Direktor im Viersternehotel Hasdrubal-Thalassa in Port el Kantaoui.


Ein GAU erfolgte nur wenige Tage nach dieser Aussage: Am 30. Oktober 2013  sprengte sich ein Selbstmordattentäter in die Luft, als er vor dem Hotel Riadh Palms  in Sousse von Sicherheitskräften verjagt wurde. Ein Glück, so sagten Touristiker damals, dass  sich dieser Zwischenfall in der drittgrössten Stadt Tunesiens am Ende der Hauptsaison ereignete und ausser dem Attentäter niemand zu Schaden kam. Er gehörte den Salafisten an, einer Gruppe ultrakonservativer Sunniten.
War der Selbstmordattentäter vom 30. Oktober so etwas wie  ein GAU, so erfolgte am 18. März dieses Jahres der Super-Gau:  Im Bardo-Museum in Tunis fallen 24 Menschen, darunter 20 Touristen, einem Terroranschlag zum Opfer. Die Terrormiliz Islamischer Staat bekannte sich zum Anschlag.
Seither herrscht in den touristischen Zentren höchste Alarmbereitschaft.  «Hier in Sousse ist niemand vom Anschlag überrascht», verrät Hans-Rudolf Kohler am Telefon. Der  Frührentner aus Biel  lebt seit 15 Jahren in Hammam-Sousse, 10 Kilometer südlich des Strandes von Port el Kantaoui,  wo am Freitag 39 Menschen getötet wurden. Laut Kohler - er war  2000 bis 2009 Area Manager North Africa von Hotelplan mit Sitz in Sousse - patroullieren seit dem Anschlag im Bardo-Museum vielerorts und auch an Touristenstränden Sicherheitskräfte.


Die Hotels seien insgesamt nicht sonderlich gut belegt, weiss der Touristiker Kohler. Auch deshalb, weil die Russen aus wirtschaftlichen Gründen kaum mehr nach Tunesien kämen. Ebenfalls die Libyer, die insbesondere in den Luxusherbergen abstiegen, blieben dem Nachbarlande fern. «Jetzt ist der Tourismus total am Boden. Ich sehe schwarz.»


«Ihr irrt Euch, Ihr Europäer. Die Demokratie funktioniert in arabischen Ländern nicht», ereifert sich ein Hotelbesitzer aus Sousse am Telefon. «Wir wollen eine Diktatur. Unter Ben Ali ist es uns gut gegangen. Jetzt herrscht nur noch Chaos. Der Tourismus ist am Boden», so der aus einfachen Verhältnissen stammende Mann, der als Teppichhändler ein grosses Vermögen machte und ein Hotel besitzt. «Wir haben keine Rohstoffe. Was machen wir ohne Tourismus?» Der Mann, der sich nicht mit Namen zitieren lassen will, schimpfte überdies über die

Franzosen. «Wir werden Euch nicht im Stich lassen», soll Präsident Hollande den Tunesiern versprochen haben. «Doch nichts, überhaupt nichts machen sie für uns». Der Hotelier wünscht sich von der ehemaligen Kolonialmacht vor allem militärische Unterstützung. Nur so könnten Verhältnisse geschaffen werden wie zu Zeiten von Staatsgründer Habib Bourguiba und später vo n Ben Ali.


Erschienen in der BZ am 29. Juni 2015


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Claude Chatelain