Was Milliardäre dem Staat abliefern

Der Milliardär Ernesto Bertarelli zügelte dank der Vermögenssteuerbremse in den Kanton Bern.
Der Milliardär Ernesto Bertarelli zügelte dank der Vermögenssteuerbremse in den Kanton Bern.

Ein Milliardär liefert dem Kanton Bern für ein steuerbares Vermögen von einer Milliarde Franken 5,7 Millionen Franken ab – und zwar Jahr für Jahr. Hat er das Geld schlecht angelegt, zahlt er weniger.

Am vorletzten Wochenende fand die Erbschaftssteuerinitiative beim Souverän auch deshalb keine Gnade, weil die Kantone bereits Vermögenssteuern erheben. Zudem war zu befürchten, dass Superreiche ihr Domizil ins Ausland verlegten, sollten ihre Kinder auf dem Nachlass 20 Prozent dem Fiskus abliefern. Doch warum verlegen die Superreichen nicht schon heute ihr Domizil in ein Land, in welchem sie keine oder nur wenig Vermögenssteuern zahlen? «Die Vermögenssteuer ist nicht so hoch», sagt Peter Wild, der vor seiner ordentlichen Pensionierung als CEO der AIG Private Bank und später als Geschäftsleitungsmitglied der Bank Sarasin wirkte. Heute berät der Zürcher mit seiner Beryll Swiss Family Advisory reiche Leute in rechtlichen und vermögenstechnischen Belangen. «Wäre die Erbschaftssteuerinitiative angenommen worden, hätte ich sehr viel Arbeit bekommen», sagt er. Einige seiner Kunden hätten ihr Steuerdomizil verlegt.

 

Grosse Unterschiede

 

Im Vergleich zur verworfenen Nachlasssteuer fällt die Vermögenssteuer in der Tat nicht so sehr ins Gewicht, obschon sie im Unterschied zur Nachlasssteuer alle Jahre zu bezahlen ist. Nehmen wir das Beispiel eines Milliardärs, von denen es in der Schweiz nicht wenige gibt. Bei einem Ja zur Erbschaftssteuerinitiative wären bei einem Nachlass von einer Milliarde Franken 200 Millionen Franken dem Fiskus zugeflossen. An Vermögenssteuern zahlt ein Milliardär je nach Kanton «bloss» zwischen 1,28 und 10 Millionen Franken. Die Höhe der Steuer wird natürlich vom steuerbaren und nicht vom effektiven Vermögen berechnet. Zudem kennen die Kantone unterschiedliche Freibeträge. «Doch bei Vermögen von mehreren Hundert Millionen Franken fallen Freibeträge von mehreren Zehntausend Franken nicht ins Gewicht», meint Stefan Hunziker von der Firma Five Informatik in Schönbühl, welche mit ihrer Software Taxware Steuervergleiche durchführt.

Dona Bertarelli fühlt sich in der Suite «My Gstaad Chalet» wohl.
Dona Bertarelli fühlt sich in der Suite «My Gstaad Chalet» wohl.

Vermögenssteuerbremse

 

Die Kantone Aargau, Basel-Stadt, Genf, Wallis und auch Bern kennen zudem eine Vermögenssteuerbremse. Diese Bremse fusst auf dem Prinzip, dass die Vermögenssteuer die Substanz nicht angreift. Es soll also verhindert werden, dass sich das Vermögen wegen der Vermögenssteuer vermindert. Multimillionäre sollten demnach nicht dazu gezwungen werden, Wertschriften zu verkaufen, um die Steuerschuld begleichen zu können. Im Kanton Bern profitieren nicht nur die ganz Reichen von dieser Bremse, sondern alle, die Vermögenssteuern schulden: Ist die Steuer höher als 25 Prozent des Vermögensertrages, wird sie auf 25 Prozent des Vermögensertrages begrenzt. Liegt sie darunter, wird die normale Vermögenssteuer geschuldet. Erzielt also der im Kanton Bern domizilierte Milliardär auf seinem Vermögen einen steuerbaren Ertrag von bloss 1 Prozent, so reduziert sich die Steuerschuld von 5,75 Millionen auf 2,5 Millionen Franken. Und der Kanton Bern rückt in der Rangliste (siehe Tabelle) von Rang 16 auf Rang 6 vor. Dank dieser in Artikel 66 des bernischen Steuergesetzes definierten Bremse sind Superreiche ins Bernbiet gezogen. Illustres Beispiel ist Ernesto Bertarelli, der mit der Alinghi zweimal den America’s Cup gewinnen konnte und mit dem Verkauf seiner Mehrheitsbeteiligung an der Biotechfirma Serono mehrere Milliarden Franken kassierte.

 

Erschienen in der BZ am 23. Juni 2015

Claude Chatelain