Vierte Säule: Über das unwürdige Spektakel rund um Griechenland

Ich gehe nicht davon aus, dass Sie heute Morgen mit der Nachricht aufgewacht sind, in der griechischen Tragödie zeichne sich der Schlussakt ab. Und sollten sich nach Redaktionsschluss die Regierungschefs der EU und die griechische Regierung wider Erwarten geeinigt haben, so hiesse das noch lange nicht, dass sie auch eine Lösung gefunden haben.


Es gibt nur eine echte Lösung: ein markanter Schuldenschnitt. Ende Februar zitierten wir in dieser Zeitung den Niederländer Willem Buiter. Der Chefökonom der Citygroup empfahl einen Erlass der Schulden von zwei Dritteln. Die Staatsschuld könnte damit von 170 auf 60 Prozent des Bruttoinlandprodukts gesenkt werden. Der deutsche Vermögensverwalter Flossbach von Storch gäbe sich mit einem Schuldenschnitt von 50 Prozent schon zufrieden. Sie sind nicht die Einzigen, die eine Abschreibung der Schulden als unausweichlich betrachten.


Am Mittwoch letzter Woche sprach mir «Praktikus» aus dem Herzen. Es ist dies der anonyme Kolumnist der «Finanz + Wirtschaft». Ich zitiere ihn hier in voller Länge, gewissermassen als Gastkolumne: «Ich kann die Diskussion rund um Griechenland nicht mehr hören. Seit Wochen das immer Gleiche: Schäuble sagt hier etwas, Varoufakis dort, Verhandlungen werden aufgenommen, Gespräche gestoppt, Lagarde und Draghi hier, Dijsselbloem und Tsipras dort. Wissen Sie, was das ist? Lärm. Nichts als Lärm. Und wenn die Marktkommentatoren mal wieder nicht wissen, weshalb die Aktienmärkte heute 1,5 Prozent gesunken oder gestern 1,2 Prozent gestiegen sind, dann bringen sie als Erklärung: Griechenland. Hellas ist gegenwärtig sowohl der Grund für Gewinne wie auch für Verluste. Je nachdem, woher der Lärm mal wieder gerade kommt. Mich nervts nur noch. In der griechischen Regierung sitzen Hasardeure, auf der Gegenseite ist niemand klar befugt, Entscheide zu fällen. Draghi? Der IWF? Dijsselbloem? Merkel? Eben. Und so zieht sich die Scharade dahin, und im Kern wissen es alle: Griechenland wird seine Schulden nie zurückzahlen. Unmöglich. Eher werden Schweine fliegen lernen.»


Besser kann man das unwürdige Spektakel nicht beschreiben.


Erschienen in der BZ am 23. Juni 2015

Claude Chatelain