Vierte Säule: Bitte keine Umfragen, wenn das Resultat eh schon bekannt ist

Das Denkforum «Innovation 2. Säule» ging neulich an einem Anlass der Frage nach, wie das Wissen über die berufliche Vorsorge verbessert werden könnte.

Das Forum, bestehend aus Spezialisten, Experten und Mitarbeitern von beruflichen Vorsorgeeinrichtungen, will deshalb eine Umfrage durchführen, bevor es sich auf ein Vorgehen festlegt. Das Denkforum steht unter der Leitung von Werner Nussbaum. Er war von 1984 bis 1996 Chef der Abteilung berufliche Vorsorge im Bundesamt für Sozialversicherungen.


Ich habe meine Zweifel, ob das etwas bringt. Erstens gibt es genügend Umfragen in diesem Bereich. Zweitens genügt ein Herumhorchen im Freundeskreis dafür, bestätigt zu haben, dass das Wissen über die berufliche Vorsorge erbärmlich ist. Viele wissen nicht einmal, ob sie im Beitrags- oder im Leistungsprimat versichert sind. Das ist kein Vorwurf an die Versicherten. Es ist ein Vorwurf an die Gesetzgeber. Die Experten der genannten Denkfabrik zäumen das Pferd am Schweif auf. Sie sollten sich eher dafür starkmachen, das Gesetz über die berufliche Vorsorge (BVG) zu entschlacken und zu vereinfachen. Abendfüllende Ausbildungsseminare würden sich dadurch erübrigen.


All die Regeln zur 2. Säule sind in einem knapp 2000 Seiten umfassenden Wälzer zusammengefasst. Das schrieb ich bereits vor einiger Zeit an dieser Stelle. 1900 Seiten kommen als «Handkommentar» von 27 Autorinnen und Autoren daher, das Stichwortverzeichnis umfasst unglaubliche 60 Seiten; circa 8000 Fussnoten verweisen auf das Literaturverzeichnis mit 700 Einträgen von bereits publizierten Beiträgen.


Mein Votum an jenem Anlass, die Mitglieder der «Innovation 2. Säule» sollten sich lieber für verständliche Gesetze einsetzen, kam nicht gut an. Zum Teil, weil die anwesenden Experten ein solches Ansinnen als illusorisch betrachten. Zum andern, weil sie selber Teil dieses komplizierten Systems darstellen. Ein System, das sie füttert. Wer sägt schon freiwillig am Ast, auf dem er sitzt.


Erschienen in der BZ am 9. Juni 2015

Claude Chatelain