BLS-Aktionäre beklagen sich


Das im Besitz der öffentlichen Hand befindliche Bahnunternehmen führte gestern seine Aktionärsversammlung durch. Kleinaktionäre stellten Anträge und machten ihrem Unmut Luft. Alles nur fürs Protokoll.

Generalversammlungen sind häufig so etwas wie ein Klassentreffen. Mitarbeiter und Ehemalige begegnen sich, freuen sich übers Gedeihen ihres Unternehmens und sehnen sich nach dem Mittagessen. Bei der BLS ist es ähnlich – und doch leicht anders. Die einstige Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn gehört zu 56 Prozent dem Kanton Bern, zu 22 Prozent der Eidgenossenschaft und zu rund 14 Prozent anderen Körperschaften. Nur 8,5 Prozent der Aktien befinden sich im Streubesitz. 504 Kleinaktionäre fanden sich gestern im Berner Kursaal zur Aktionärsversammlung ein. Die Mehrheit davon eben fürs Zusammensein und fürs Saltimbocca mit Risotto. Eine ganz kleine Minderheit dagegen, um ihren Ärger abzuladen und Anträge zu stellen.

 

Die Aktie kostet 45 Rappen

 

Grund zum Ärger haben sie alleweil. Ohne privates Kapital gäbe es die BLS in der heutigen Form nicht. Doch Dankbarkeit für ihr finanzielles Engagement verspüren die Kleinaktionäre nicht. Sie erhalten keine Dividende, und der Aktienkurs liegt mit 45 Rappen deutlich unter dem Nennwert von einem Franken. Seit Jahren beklagen sie sich darüber, auch gestern. «Die Geschäftsleitung und die Hauptaktionäre der öffentlichen Hand interessiert es keinen Deut, wie es den Aktionären geht. Sie schauen zu, wie die Kleinaktionäre langsam, aber sicher ausbluten», erklärte ein Aktionär aus Schliern. Die UBS hätte im Fall der BLS wahrscheinlich eine Kapitalherabsetzung auf zum Beispiel 70 Rappen je Aktie mit Substanzdividende beschlossen. In einem Schreiben der Geschäftsleistung, so der Aktionär weiter, sei gestanden: «Sie sind selber schuld, in die BLS investiert zu haben. Sie kennen die Risiken bei Aktieninvestitionen.»

 

«Selber schuld»

 

Verwaltungsratspräsident Rudolf Stämpfli vermochte die Kleinaktionäre nicht zu besänftigen: «Es mag unfreundlich klingen, aber Sie sind wirklich selber schuld.» Man könne eine UBS nicht mit einer gemischtwirtschaftlichen AG vergleichen, die mehrheitlich der öffentlichen Hand gehöre und auf Subventionen angewiesen sei. Alle Anträge der Kleinaktionäre wurden verworfen, auch jener für eine Sonderdividende. Bei den Mehrheitsverhältnissen der BLS sind solche Anträge eh nur fürs Protokoll. Warum aber macht die BLS ihren Kleinaktionären kein Rückkaufangebot? Warum dieses alljährliche Theater? «Wir können die Kleinaktionäre nicht gesondert behandeln», meint Rudolf Stämpfli. Wenn man die Kleinaktionäre auskaufen wollte, müssten das der Kanton Bern oder die Eidgenossenschaft tun. Das würde aber Hunderte von Millionen Franken kosten.

 

 

Sie demonstrieren gegen das geplante Werk in Riedbach im Westen von Bern.
Sie demonstrieren gegen das geplante Werk in Riedbach im Westen von Bern.

Was ist mit Riedbach?

An der gestrigen Generalversammlung der BLS war selbstverständlich das geplante Werk in Riedbach westlich von Bern ein Thema. Ein Aktionär erklärte, er schäme sich, Aktionär dieses Unternehmens zu sein. Verwaltungsrats-präsident Rudolf Stämpfli erwiderte darauf, was er bereits eingangs in seiner Rede gesagt hatte. Wenn man 20 Hektaren rund um Bern für ein Werk überbauen wolle, gehe das nicht ohne Emotionen. Die Sache sei jedoch noch nicht gegessen. Nicht wenige hoffen darauf, dass die Sache überhaupt nie gegessen sein wird. So

auch jene Frauen und Männer, die vor dem Eingang im Kursaal mit Transparenten gegen das Projekt demonstrierten. Gemäss ihrem Flyer zerstört die BLS eine intakte Landschaft und einen denkmalgeschützten Bauernhof. Werde das Projekt durchgezwängt, werde sich die BLS in Zukunft um ihre Reputation sorgen müssen. «Deshalb, werte BLS-Aktionäre: Stoppt dieses Projekt!» Ob die Demonstrierenden überhaupt wissen, dass die anwesenden BLS-Aktionäre gar nichts zu sagen haben?

 

Erschienen in BZ am 13. Mai 2015


Claude Chatelain