Vierte Säule: Sell in May.....

"Sell in May and go away.» Nach dieser Börsenweisheit hätten Sie, liebe Aktionäre, Ihre Dividendenpapiere oder zumindest Teile davon veräussern sollen. Es ist eine der wenigen Börsenregeln, die sich statistisch erhärten lässt.

Mein Leibblatt, die «Finanz+Wirtschaft», hat eben wieder darauf hingewiesen, dass die Aktienkurse in den Wintermonaten normalerweise stärker steigen als im Sommer. In den Jahren 1998 bis 2012 lagen die Renditen im Winter im Schnitt um 5,6 Prozentpunkte über denen im Sommer. Das gleiche Phänomen ist auch in den USA zu beobachten.

 

Soll man die Aktien getreu dieser Regel noch schleunigst verkaufen? «Nein», rät die F+W. Die Renditen seien zwar im Sommer meist tiefer als im Winter; aber es finde lediglich eine Seitwärtsbewegung statt. Wegen der anfallenden Handlungskosten dürfte es sich deshalb kaum lohnen, auf diese saisonale Schwäche zu spekulieren. Womit wir bei einer anderen Börsenweisheit angelangt wären: «Hin und her macht Taschen leer».

 

Nun, ich finde auch, man soll Aktien nicht wegen des «Sell in May»-Effekts verkaufen. Aber vielleicht sollte man sich daran erinnern, dass relevante Börsenindizes der USA und Europas auf Rekordhöhe segeln, die Aktienkurse nur wegen der von den Notenbanken verursachten Liquiditätsschwemme derart angestiegen sind und es an der Börse meistens dann kracht, wenn niemand damit rechnet.

 

Übrigens: Die genannte Börsenregel lautet vollständig: «Sell in May and go away, but remember to come back in September». Ob man wirklich im September wieder einsteigen soll, müssen wir jetzt noch nicht entscheiden. Sollten die Kurse zu Herbstbeginn immer noch rekordhohe Werte aufweisen, wäre es wohl nicht dumm, noch Allerheiligen abzuwarten. Die drei grössten Tagesverluste, die der  MSCI Switzerland seit den Siebzigerjahren verzeichnet, wurden alle an einem Oktobertag registriert.

 

Erschienen in der BZ am 12. Mai 2015

Claude Chatelain