Die kleineren Banken sind tendenziell besser aufgestellt als die grossen

Kleinere Banken würden wegen strengerer Auflagen besonders unter Druck geraten, ist allenthalben zu hören. Die relevanten Kennziffern des zurückliegenden Geschäftsjahres bestätigen dies nicht.

Die aufs Zinsgeschäft fokussierten Regionalbanken haben nichts zu lachen. Nehmen sie zu viele Spargelder entgegen, müssen sie dafür bei der Nationalbank einen Zins bezahlen, den Negativzins. Verleihen sie im grossen Stil langfristige Festhypotheken, wie sie derzeit besonders nachgefragt werden, so gehen sie ein beträchtliches Risiko ein. Das Risiko, bei einem Zinsanstieg viel Geld zu verlieren, wenn sie für Spargelder mehr bezahlen müssen, als sie für laufende Hypotheken erhalten werden.

 

Finma wird immer strenger

 

Damit nicht genug: Da wacht obendrein mit Argusaugen die Finanzmarktaufsicht (Finma), die die Banken mit immer strengeren und vor allem aufwendigeren Auflagen beaufsichtigt. Mit diesen wachsenden Anforderungen täten sich insbesondere die kleineren Institute schwer, heisst es allenthalben. Beim Vergleich der relevanten Kennziffern von Banken im Kanton Bern ist freilich in keiner Weise festzustellen, dass die kleineren Institute schlechter aufgestellt sind als die grossen. Doch welches sind die relevanten Kennziffern? Präsentiert eine Regionalbank «Die wichtigsten Zahlen in Kürze», so erscheinen darin Bilanzsumme, Ausleihungen, Kundengelder, Bruttogewinn und Reingewinn. Relevanter ist zumindest in der heutigen Zeit das Eigenkapital. Insbesondere die Aufsicht interessiert sich vorab für die Ausstattung der Eigenmittel. Leider werden immer wieder neue und ausgeklügelte Kennziffern kreiert, was das Ganze nicht transparenter macht (siehe Kasten). Ob man nun den Eigenmitteldeckungsgrad oder die Gesamtkapitalquote zur Hand nimmt, so sind die kleineren Institute nicht schlechter, zum Teil sogar deutlich besser aufgestellt als die grossen. Die beiden kleinsten Banken, die Spar- und Leihkasse Wynigen und die Ersparniskasse Affoltern, zählen zu den drei bestkapitalisierten Banken im Kanton Bern. Doch Spitzenreiterin ist wie ehedem die Bank EEK. Allen drei ist eigen, dass sie nur über einen Standort verfügen und damit kein teures Filialnetz finanzieren müssen.

 

Die Cost-Income-Ratio

 

Was bei den «Wichtigsten Zahlen in Kürze» nur selten ausgewiesen wird, aber zur Beurteilung der Wirtschaftlichkeit mehr aussagt als manche andere Kennziffer, ist das Kosten-Ertrags-Verhältnis. Für gewisse Experten, etwa den auf ausserbörslich gehandelte Aktien spezialisierten Fritz Ruprecht, ist das Verhältnis des Personal- und Sachaufwands zu den erwirtschafteten Erträgen die wichtigste Kennziffer überhaupt. Wie alle Jahre weist auch 2014 die AEK Bank Thun den mit Abstand tiefsten Wert aus, gefolgt von der Bank EEK. Beide sind genossenschaftlich organisiert. Auch die beiden kleinsten Banken sind diesbezüglich sehr gut aufgestellt.

 

Interessant ist das relativ hohe Kosten-Ertrags-Verhältnis von 69 Prozent der DC Bank, die der Burgergemeinde gehört. Dabei muss doch die DC Bank kein kostspieliges Filialnetz aufrechterhalten. Der Grund für die höhere Cost-Income-Ratio liegt darin, dass die Bank einen grossen Anteil der Erträge mit der Vermögensverwaltung generiert, mittlerweile bereits ein Drittel. Vermögens-verwaltungsbanken weisen strukturbedingt eine höhere Cost-Income-Ratio auf als reine Kreditbanken.

 

Der Deckungsgrad

 

Aufschlussreich ist ebenfalls das Deckungsverhältnis, das Verhältnis der Ausleihungen zu den Kundengeldern. Ein Wert von über 100 Prozent galt bislang als feudal, der beste Beweis dafür, dass eine Bank keinerlei Mühe bekundet, die Ausleihungen mit Spargeldern zu finanzieren. Heute leben wir jedoch in einer kuriosen Zeit. Einer Zeit mit Negativzinsen. So ist ein Deckungsverhältnis von über 100 Prozent eher zwiespältig, da die Banken derzeit mit Negativzinsen bestraft werden, wenn sie zu viel Liquidität haben.

 

Höherer Bruttogewinn

 

Wie sehr die Zinssituation den Banken zu schaffen macht, erkennt man an der Entwicklung des Bruttogewinns. Da ist es schon erstaunlich, dass nicht wenige Institute den Bruttogewinn zu steigern vermochten, die Spar- und Leihkasse Frutigen gar um über 11 Prozent. Deren Bankleiter Daniel Schneiter führt dies auf mehrere Faktoren zurück, unter anderem auf das Volumenwachstum der vergangenen Jahre, auf die Steigerung der Kommissions- und Dienstleistungserträge sowie auf einen ausserordentlichen Beteiligungsertrag.




INFOTHEK

Was zählt zum Eigenkapital? Wie wird es risikogewichtet? Welche Kapitalquote sagt was aus? Für Regionalbanken galt bisher der Eigenmitteldeckungsgrad als Mass aller Dinge, das Verhältnis der anrechenbaren zu den erforderlichen Eigenmitteln. Dieser Deckungsgrad muss bei kleineren Instituten mindestens 150 Prozent betragen. Aufgrund der Offenlegungsvorschriften des Basler Ausschusses werden nun Kapitalquoten

verlangt, die laut Finma die gleiche Aussagekraft haben, «nur in einer anderen Währung». Bei kleineren Banken mit einer Bilanzsumme von unter einer Milliarde muss die Quote mindestens 10,5 Prozent betragen. Bei grösseren Instituten mit einer Bilanzsumme bis 15 Milliarden sind mindestens 11,2 Prozent erforderlich.


Erschienen in der BZ am 20. April 2015


Claude Chatelain