Vierte Säule: Über das Schummeln bei der Steuererklärung

Seit 2010 können sich Steuerhinterzieher selber anzeigen und kommen damit straflos davon. Kürzlich konnten wir erfahren, dass sich im Kanton Bern seit Einführung der straflosen Selbstanzeige 2950 Personen gemeldet und insgesamt 83,8 Millionen Franken in die Kantonskasse nachbezahlt haben.

Das erinnert mich an einen Artikel, den ich vor langer Zeit über Steuerhinterziehung geschrieben habe. Ich sprach damals von Schummeln, was einen Steuerjuristen ziemlich auf die Palme trieb. Erzürnt schrieb er mir, Steuerhinterziehung könne man nicht mit «schummeln» umschreiben. Steuerhinterziehung sei kein Kavaliersdelikt.


Wenn ich aber bedenke, dass man bei einer Selbstanzeige straflos davonkommt, hat für mich Steuerhinterziehung sehr wohl den Charakter eines Kavaliersdelikts. Seien wir ehrlich: Wer hat nicht schon daran gedacht, bei den Berufskosten etwas mehr Kilometer anzugeben, als in Wirklichkeit für den Arbeitsweg zurückgelegt worden sind? Wer erlag noch nie dem Hang, den Anteilschein von Mobility oder gar ein kleines Nebeneinkommen zu vergessen? Klassische Beispiele von Steuerhinterziehung.


Definitiv kein Kavaliersdelikt ist der Steuerbetrug. Er ist im Unterschied zur Steuerhinterziehung ein strafrechtlicher Tatbestand. Er wird von der Justiz und nicht nur von der Verwaltung geahndet. Steuerbetrug begeht. wer für die Steuerhinterziehung falsche oder gefälschte Urkunden oder Belege einreicht.


Nochmals etwas anderes ist die Steuerumgehung: Gemeint ist hier das Ausnützen gesetzlicher Möglichkeiten, die grundsätzlich nicht für diese Situation geschaffen worden sind. Eine so verstandene Steuerumgehung ist nicht strafbar. Doch die Behörde kann korrigierend eingreifen, wenn sie es für angemessen erachtet.


Der eingangs zitierte Steuerjurist meinte übrigens, man merke aufgrund meiner Wortwahl, dass ich kein Jurist sei. Stimmt. Ich bin Ökonom, stets bemüht, mich verständlich auszudrücken. 

Claude Chatelain