Zeitrente verdrängt die Leibrente

Die Versicherer verkaufen wegen der tiefen Zinsen kaum mehr Leibrenten, dafür umso mehr Zeitrenten. Sie verlagern damit die Risiken auf den Kunden.

«Wir verkaufen praktisch nur noch Zeitrenten. Leibrenten sind wegen der tiefen Zinsen kaum mehr interessant», bestätigen angefragte Gesellschaften. Für diesen Trend gibt es eine Erklärung: Leibrenten sind als Folge des tiefen Zinsniveaus noch unattraktiver geworden, als sie es schon seit einiger Zeit waren. Der Unterschied auf einen einfachen Nenner gebracht: Leibrenten werden lebenslänglich ausbezahlt; Zeitrenten hingegen nur befristet, wie aufgrund der Produktbezeichnung unschwer zu erraten ist. Hinzu kommt, dass Leibrenten als Einkommen zu versteuern sind, wenn auch nur zu 40 Prozent. Zeitrenten sind dagegen fast steuerfrei: Nur auf den bescheidenen Erträgen, die die einbezahlte Summe übersteigen, fallen Einkommenssteuern an.


Zeitrenten sind Bankprodukte


Zeitrenten sind keine Versicherungsprodukte im herkömmlichen Sinn. Man spricht daher in der Branche vorab von Auszahlungsplänen. Sie enthalten keine biometrischen Risiken. Will heissen, es braucht keine Mathematiker, die ein Langlebe-, ein Sterbe- oder ein Invaliditätsrisiko ausrechnen müssen. Alter und Lebenserwartung der Versicherten sind irrelevant. «Bei Auszahlungsplänen handelt es sich faktisch nicht um eine Rente, sondern um einen zeitlich befristeten, systematischen Vermögensverzehr», sagt Paul Weibel, Leiter des Bereichs Privatkunden bei Marktleader Swiss Life.


Garantie über alles


Der Begriff Auszahlungsplan erinnert an die Fondsentnahmepläne, wie sie schon längst auf dem Markt sind. Doch zwischen Fondsentnahmeplänen und Auszahlungsplänen gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die Höhe der Rente ist beim Auszahlungsplan garantiert. Markus Glauser von Glauser und Partner in Bern räumt aber ein, dass Garantien nicht gratis zu haben sind. Die Finanzanlagen müssten mit derivativen Instrumenten abgesichert werden, was die Rendite schmälere. Auf der anderen Seite sind insbesondere in der heutigen Zeit Garantien gefragt. «Der Kunde ist zufrieden, wenn er mindestens so viel zurückerhält, wie er einbezahlt hat», sagt Paul Weibel von Swiss Life. Dies bestätigt Roger Ledermann von Roth Gygax und Partner in Gümligen: «Die Zeitrenten mit den höchsten Garantien sind besonders gefragt.» Die Garantie ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal der diversen Angebote. Ein anderes ist die Art der Anlagen. Gewisse Anbieter, etwa Generali, haben ein klassisches Produkt, bei welchem im besten Fall Überschüsse gutgeschrieben werden. Andere wie Axa und Swiss Life investieren in Anlagefonds und lassen den Kunden an der Rendite partizipieren. «Es ist fraglich, ob man im heutigen Umfeld eine positive Rendite zu erwirtschaften vermag, die über die garantierte Leistung hinausgeht», warnt Roger Ledermann. Die Aussicht auf diese Rendite ist eines der wenigen Verkaufsargumente solcher Auszahlungspläne. Statt das Geld dem Versicherer zu überweisen und sich periodisch eine Rente überweisen zu lassen, könnte man ebenso gut vom Sparkonto monatlich einen fixen Betrag abheben.


«Organisierter Verzehr»


Doch mit dem Verzehr des Vermögens tun sich viele Leute schwer, wie Roger Ledermann beobachtet. Manche überliessen dies lieber der Versicherungsgesellschaft. Ledermann nennt dies «organisierten Kapitalverzehr». Dieses Delegieren kostet jedoch Geld. Die Rechnung ist schnell gemacht: Bei einer Einlage von 300 000 Franken und einer Laufzeit von 20 Jahren gibt es bei der Zürich garantierte 15 380 Franken (Tabelle). Legt man hingegen das Geld zu einem Zins von 0,3 Prozent an, so kann man jährlich 15 430 Franken abheben, ehe das Konto nach 20 Jahren leer ist. Was passiert, wenn die Zeitrente mit Alter 85 ausläuft und der Versicherte immer noch putzmunter ist? Womit wir wieder bei der Leibrente wären.


Erschienen in der BZ am 7. April 2015

Claude Chatelain