Vierte Säule: Wenn Stiftungsräte befangen sind

Als Arbeitnehmervertreter in der Pensionskasse meines früheren Arbeitgebers  setzte ich mich jeweils für eine höhere Verzinsung des Alterskapitals ein. Wir hatten das Beitragsprimat und einen Deckungsgrad von deutlich über 100 Prozent. Je höher die Verzinsung, desto grösser die Leistungen im Alter und desto grösser das Kapital, das Arbeitnehmer beim Stellenwechsel in die neue Pensionskasse überweisen können.

Selbstverständlich stimmten die anderen Arbeitnehmervertreter mit mir; und alle Arbeitgebervertreter stimmten gegen mich. Sie wollten verhindern, dass der Firmeninhaber bei einer allfälligen Unterdeckung Geld einschiessen muss. Den Stichentscheid fällte der aussenstehende Präsident, der bei Parität meistens gleich stimmte wie der CEO.

 

Ausgerechnet bei meinem letzten Auftritt als Arbeitnehmervertreter konnte ich im Stiftungsrat eine Mehrheit gewinnen. Einer der Arbeitgeber stellte sich auf unsere Seite. Er leitete die Immobilienabteilung und dürfte daher einen tollen Zapfen erhalten und somit ein stolzes Pensionskassenguthaben beisammengehabt haben. Warum stimmte jener

Arbeitgebervertreter plötzlich im Interesse der Arbeitnehmer? Bingo: Der Mann stand kurz vor der Pensionierung. 1 Prozentpunkt mehr oder weniger Zins auf seinem Kapital von über einer Million Franken macht über 10000 Franken aus. Der CEO sagte ihm leicht säuerlich: «So, jetzt hast du deine Rente schön aufpoliert.»

 

Stiftungsräte sind befangen. Das gilt gerade bei jenen, die kurz vor der Pensionierung stehen. Und das gilt erst recht für Arbeitgebervertreter, die faktisch Arbeitnehmer sind. Denn bei Pensionskassen der öffentlichen Hand werden die Interessen des Arbeitgebers, sprich Steuerzahlers, häufig von Gemeinderäten vertreten. Muss nun eine solche Kasse saniert werden, haben ältere Stiftungsräte ein ureigenes Interesse, die Sanierung und allfällige Leistungskürzungen möglichst hinauszuschieben. Zugunsten ihrer Rente und zulasten des Steuerzahlers.

 

Non olet. Geld stinkt nicht. Hier stinkt das System.

 

Erschienen in der BZ am 24. März 2015

Claude Chatelain