Pensionskasse PVS BIO: «Die Rendite war miserabel»

Colette Nova, Vizedirektorin im Bundesamt für Sozialversicherungen, erhebt schwere Vorwürfe an die Adresse des Stiftungsrats der Pensionskasse Bolligen-Ittigen-Ostermundigen.
Colette Nova, Vizedirektorin im Bundesamt für Sozialversicherungen, erhebt schwere Vorwürfe an die Adresse des Stiftungsrats der Pensionskasse Bolligen-Ittigen-Ostermundigen.

Die Schieflage der Pensionskasse Bolligen-Ittigen-Ostermundigen wäre zu vermeiden gewesen, wenn der Stiftungsrat seine Hausaufgaben gemacht hätte. Zu diesem Schluss kommen zwei ausgewiesene Experten.

Wie konnte es dazu kommen, dass die Pensionskasse der Gemeinden Bolligen, Ittigen und Ostermundigen  (PVS BIO) heute so schlecht dasteht? Diese  Frage stellte  Colette Nova dem  Gemeinderat Ostermundigens  in einer Interpellation. «Seine Antwort geht völlig an der Frage vorbei und enthält nur absurde Aussagen und Behauptungen», stellt Nova fest. Sie ist deshalb selber der Frage nachgegangen und hat zusammen mit Hans Flury ein 13-seitiges Papier verfasst.


Zwei Stimmen mit Gewicht


Analysen von Nova und Flury haben Gewicht: Colette Nova, SP-Mitglied des Grossen Gemeinderats in  Ostermundigen, ist Vizedirektorin im Bundesamt für Sozialversicherungen, wo sie den Geschäftsbereich AHV, berufliche Vorsorge und EL leitet. Hans Flury, Präsident der Geschäftsprüfungskommission in Bolligen, war vor seiner Pensionierung Finanzchef bei der BLS und Präsident des Stiftungsrats der Symova-Pensionskasse.


Die beiden Experten zerpflücken in ihrem Papier die Antwort des Gemeinderats. Dieser rechtfertigte die miserable Situation teils mit der Rechtsform, teils mit dem Leistungsprimat, teils mit dem zu hohen Niveau der Leistungen. Solche Argumente sind für Nova und Flury unhaltbar, da das zu hohe Leistungsniveau schon längst hätte angepasst werden müssen. «Es stand der PVS BIO frei, auf das Beitragsprimat umzustellen. Sie hätte dies schon längst tun sollen», steht im Papier zu lesen. Den beiden Experten fehlt zudem jedes Verständnis dafür, dass der Gemeinderat die Unterdeckung mit dem Argument rechtfertigt, dass es der Stiftungsrat unterlassen habe, rechtzeitig die notwendigen Korrekturen vorzunehmen.

 

Vermeidbar


Die zu hohen, nicht finanzierten Leistungen sind aber nur das eine Problem. «Die  Anlagerendite der PVS BIO war miserabel und sehr deutlich unter der Rendite, die objektiv auf den Anlagemärkten erwirtschaftet werden konnte und von den übrigen Pensionskassen auch tatsächlich erreicht worden ist.» Mit anderen Worten: Hätte die PVS BIO eine branchenübliche Anlagerendite erwirtschaftet und ihre Verpflichtungen rasch den laufend sinkenden Erträgen auf den Anlagemärkten angepasst, wie das praktisch alle Pensionskassen in den letzten Jahren getan haben, dann wäre sie heute nicht in einer erheblichen Unterdeckung. «Es wären keine teuren Sanierungsmassnahmen zulasten der Steuerzahler und der versicherten Arbeitnehmer nötig.»


Tropfen auf den heissen Stein


Frühere und heutige Stiftungsräte der in Schieflage geratenen Pensionskasse hatten schon bei früherer Gelegenheit darauf hingewiesen, dass sie nicht untätig gewesen seien und  etliche Sanierungsmassnahmen getroffen hätten. Geht es jedoch darum, nicht finanzierte Leistungen zu kürzen, kann nicht von Sanierung gesprochen werden. «Als Sanierungsmassnahme kann nur der 2010 eingeführte Sanierungsbeitrag von 2 Prozent gelten. Dieser ist aber ein Tropfen auf den heissen Stein», so Nova und Flury. Fazit: «Die Unterdeckung der PVS BIO ist kein Schicksalsschlag, sondern wäre bei guter Leistung durch den Stiftungsrat weitestgehend vermeidbar gewesen.»


Wie geht es weiter? Müssen sich die Stiftungsräte auf eine Verantwortlichkeitsklage gefasst machen? «Klagen plane ich nicht», sagt Colette Nova. «Es geht nur darum, dass der Stiftungsrat endlich handelt und dass er die richtigen Massnahmen ergreift – sonst flickt man ein Loch mit einem neuen Loch, und es entstehen in absehbarer Zeit weitere Kosten.»


Arbeitsgruppe solls richten


Letzte Woche orientierte Stiftungsratspräsidentin Ursula Lüthy die involvierten Gemeinderäte in einem dreiseitigen Papier über den Stand der Dinge. Mitte Jahr soll der definitive Fahrplan bestimmt werden. Eine Arbeitsgruppe  prüft derzeit die «Auswirkungen einer nachhaltigen Sanierung», schreibt Ursula Lüthy. Offen bleibt, ob es zielführend ist, in dieser Arbeitsgruppe  mehrheitlich jene Leute mitwirken zu lassen, die laut Nova und Flury das Fiasko zu verantworten haben.

 

 

Was der Stiftungsrat hätte tun sollen

Colette Nova und Hans Flury haben vorgerechnet, wie die Steuerzahler der Gemeinden Bolligen, Ittigen und Ostermundigen vor einer Sanierung ihrer Pensionskasse hätten verschont bleiben können: Wäre die PVS BIO 2008 mit dem Beitragsprimat gestartet und hätte sie den technischen Zins auf 3 Prozent gesenkt, dann hätte der Deckungsgrad noch knapp 100 Prozent betragen. Man hätte das Kapital der Rentner mit 3 Prozent und das Kapital der aktiv Versicherten mit 2 Prozent verzinsen

müssen. Unter Berücksichtigung der Langlebigkeit bei den Rentnern wäre nur eine jährliche Sollrendite von rund 2,75 Prozent nötig gewesen. Sie hätte mit einer angemessenen Anlagestrategie über die letzten sechs Jahre annähernd erreicht werden können. «Die PVS BIO stünde heute zwar ohne Wertschwankungs-reserven, vielleicht auch mit einer mässigen Unterdeckung da, aber eine Sanierung hätte vermieden werden können.»

 

Erschienen in der BZ am 13. März 2015


Claude Chatelain