Vierte Säule: Über die wahre Heiratsstrafe

Letzte Woche wurde im Parlament viel über die  Heiratsstrafe geredet. Wie wir wissen, sind viele bestraft, wenn sie heiraten. Schon der Philosoph Arthur Schopenhauer wusste: Mit der Heirat werden die Rechte halbiert und die Pflichten verdoppelt.

Die CVP versteht unter Heiratsstrafe die steuerliche Benachteiligung gewisser Ehepaare. Sie reichte dazu eine Verfassungsinitiative ein. Mich belustigt, wie diese wirkungsarme Initiative einen derartigen Lärm zu verursachen vermag: Lediglich 6 Prozent der Ehen sind betroffen. Und dies zu relativ bescheidenen Beträgen. Diese Zeitung hat in der Ausgabe vom Donnerstag ein paar Beispiele herausgepflückt. Im Beispiel mit der höchsten Strafe beträgt diese 2386 Franken.


Eine zusätzliche Steuerbelastung von 2386 Franken mag für manchen viel Geld sein – und doch ist es ein Klacks im Vergleich zur echten Heiratsstrafe, welche im Alter zum Tragen kommt. Nämlich dann, wenn beide Ehepartner rentenberechtigt sind. Dann darf die Summe der beiden Einzelrenten nicht höher sein als 150 Prozent der Maximalrente. 57 Prozent der Ehepaare hätten Anspruch auf die Maximalrente von 28'200 Franken pro Jahr. Zusammen kämen sie auf 56'400 Franken. Wegen der Plafonierung gibts aber bloss 42'300 Franken. Die maximale Strafe beträgt 14'100 Franken.


Der Bundesrat findet, man dürfe die Plafonierung der AHV-Rente nicht isoliert betrachten. Würden auch die übrigen Leistungen wie Witwenrente, Beitragsbefreiung und IV mitberücksichtigt, bestünde bei einer Gesamtbetrachtung keine Benachteiligung für Ehepaare.


Diese Betrachtung ist ein kleiner Trost, wenn man Ende Jahr 14'000 Franken weniger auf dem Konto hat als Konkubinatspaare in gleichen finanziellen Verhältnissen. Nach Auskunft von AHV-Ämtern soll es nur vereinzelt vorkommen, dass Ehepaare vor der Pensionierung die Scheidung einreichen, um der Heiratsstrafe zu entgehen. Ich denke jedoch: Viele nicht ganz taufrische Paare meines Alters, welche sich in der zweiten Runde befinden, dürften es sich zweimal überlegen, ob ihnen das Jawort über 1000 Franken pro Monat wert ist.  

 

Erschienen in der BZ am 10. März 2015

Claude Chatelain