Vierte Säule: Lerne zu jammern, ohne zu leiden

Die Aktienkurse steigen wieder - trotz der Hiobsbotschaft von Mitte Januar.
Die Aktienkurse steigen wieder - trotz der Hiobsbotschaft von Mitte Januar.

Ich hoffe, Sie haben am 15.Januar tüchtig Schweizer Aktien gekauft. Nein? Selber schuld. Schliesslich lautet eine anerkannte Börsenregel «Buy on bad news». Bad News waren der Wortbruch der Nationalbank alleweil, den Euromindestkurs von 1.20 Franken nicht mehr zu garantieren, wie sie das an jenem Donnerstag bekannt gegeben hatte. Die schlechte Nachricht sorgte an der Schweizer Aktienbörse für einen Taucher von 15 Prozent.

Vielleicht sahen Sie vom Aktienkauf ab, weil Sie sich von der aufflammenden Untergangsstimmung anstecken liessen und befürchteten, die Kurse würden ins Bodenlose fallen. Schade, denn die  Aktien haben sich seither  wieder  hochgerappelt. Der Swiss Performance Index (SPI) liegt wieder über dem Stand von Anfang Jahr.


Warum haben sich die Aktien trotz jener schlechten Nachricht wieder erholt? Vermutlich erinnerten sich die Aktionäre daran, dass gewisse Exponenten der Wirtschaft gelernt haben, zu jammern, ohne zu leiden. Schon mein Vater pflegte zu sagen: «Guet gjammeret isch haub buuret.» Von den Bauern haben Wirtschaftskapitäne und deren Lobbyisten gelernt. Mir brummen noch heute die Ohren ob des Lärms, den die Wirtschaft in den Jahren 2010 und 2011 verursachte. Im Frühjahr 2010 kostete ein Euro noch 1.45 Franken. Als der Wechselkurs im Juni 2010 auf unter 1.40 rutschte, ging das Gejammer los. Es wurde immer lauter, als der Euro für weniger als 1.30 zu haben war. Im Juni des folgenden Jahres fiel der Euro auf unter 1.20, was den Lärmpegel auf ein ohrenbetäubendes Niveau ansteigen liess. Als dann die Parität erreicht war, schnürte ein angeblich liberaler Wirtschaftsminister auf Druck linker und angeblicher liberaler Parteien ein Hilfspaket. Wenig später fixierte die Nationalbank den Wechselkurs auf 1.20.


Das in Eile geschnürte Hilfspaket blieb weitgehend ungeöffnet, denn mit einem Eurokurs von 1.20 Franken liess sich anscheinend sehr gut leben. Die Unternehmen schütteten in den Folgejahren  trotz früherer Hiobsbotschaften rekordhohe Dividenden aus. Die Gewerkschaften konnten keinen Mangel an Arbeitsplätzen beklagen, dafür beklagte die Exportindustrie dank des guten Auftragseingangs einen Mangel an Fachkräften.


Merke: Wenn die Wirtschaft jammert, heisst das noch nicht, dass die Dividenden unter Druck geraten.  

 

Erschienen in der BZ am 3. März 2015

Claude Chatelain