Weniger Leben für mehr Geld

Rauchen schadet der Gesundheit. Deshalb zahle Raucher höhere Prämien als Nichtraucher.
Rauchen schadet der Gesundheit. Deshalb zahle Raucher höhere Prämien als Nichtraucher.

Schliessen Nichtraucher eine Lebensversicherung ab, dann womöglich bei einer Versicherungsgesellschaft, die einen speziellen Nichtrauchertarif anbietet. Folgerichtig wenden sich Raucher an solche Anbieter, bei welchen sie nicht «diskriminiert» werden.

Die Pax führt im Sommer für Todesfallversicherungen eine Nichtraucherpolice ein. Diese Nachricht ist an und für sich nichts Revolutionäres, denn solche Angebote gibt es schon seit Jahren. Die Begründung von Peter Hohl ist hingegen bemerkenswert: «Wir sehen uns genötigt, einen Nichtrauchertarif einzuführen, weil wir sonst nur noch die Raucher in unseren Bestand bekommen und sämtliche Nichtraucher zur Konkurrenz abwandern», erklärt der Marketingleiter der Pax.


Was Peter Hohl nicht sagte: Statt der Nichtraucher werden der Pax nun die Raucher davonlaufen. Denn wer einen speziellen Nichtrauchertarif anbietet, ist für Nikotinabhängige nicht mehr konkurrenzfähig. Dies zeigt der nebenstehende Prämienvergleich in aller Deutlichkeit.


Die Pax ist nicht die einzige Lebensversicherungsgesellschaft der Schweiz, die bis anhin die Raucher nicht «bestrafte». Auch die Winterthur und die Rentenanstalt, die Schweizer Marktführer im Einzellebengeschäft, versichern Raucher und Nichtraucher zum gleichen Tarif. Sie hegen vorderhand keinerlei Absichten, daran etwas zu ändern. «Die Nichtrauchertarife stellen eher eine Marketingmassnahme dar, als dass sie einem echten Bedürfnis entsprechen», erwidert die Rentenanstalt auf die Frage, weshalb der Marktführer noch keine Nichtraucherpolicen eingeführt hat. Die Nichtraucher-Tarifierung habe sich im Schweizer Markt nicht durchgesetzt, so ein Sprecher der Rentenanstalt. Die der Lebensversicherung zu Grunde liegende Solidarität soll nicht aus Marketingüberlegungen aufgeweicht werden.


Ähnlich äussert sich Bernhard Locher, Leiter Produktentwicklung bei der Winterthur Leben. Auch er findet die Entsolidarisierung in der Assekuranz ein grundsätzliches Problem, das von der Winterthur nicht zusätzlich gefördert werden soll. Wenn diese nämlich bis zum Äussersten betrieben werde, könnten sich im Extremfall die schlechten Risiken nicht mehr versichern lassen, da die Prämien zu teuer würden, warnt Bernhard Locher. «Solange die ganz Grossen beim Einheitstarif bleiben, haben wir keine Veranlassung, eine Nichtraucherpolice einzuführen», erklärt er.


Mindestens einer der Grossen hat sich jedoch vom Einheitstarif verabschiedet und führt erst noch eine verfeinerte Segmentierung ein: Die Zürich unterscheidet seit dem 1. Oktober 2000 zwischen Nichtrauchern, Gelegenheitsrauchern und Gewohnheitsrauchern, und zwar für die gesamte Palette der Todesfall-Risikoversicherungen.


Bereits 1995 hatte die Zürich unter dem Namen «Top-Risk» eine Todesfall-Risikoversicherung eingeführt, die in ihrer Tarifierung zwischen Rauchern und Nichtrauchern unterscheidet. Dieses Produkt wird allerdings erst ab einer Versicherungssumme ab 300'000 Franken angeboten.


Früher wurde mit höheren Überschüssen geködert


Noch früher als die Zürich hatte die damalige Secura die Nichtraucher angelockt. Da aber der Markt für Lebensversicherungen Anfang der Neunzigerjahre noch nicht liberalisiert war, köderte die Migros-Tochter die Nichtraucher nicht mit günstigeren Prämien, sondern mit höheren Überschüssen. Nach der Liberalisierung folgte dann schon bald die Providentia mit ihrem Nichtrauchertarif. Die Tochter der Mobiliar hat ihren ganzen Bestand der Einzelversicherungen auf dieses Prinzip umgestaltet. So wird für Nichtraucher ein «Preferred Risk Tariff» offeriert; Raucher bezahlen eine Zusatzprämie. Dadurch kommen nach Angaben der Providentia zwei Drittel der Versicherten zu einem günstigeren Tarif, ein Drittel hat dann einen Zuschlag zu entrichten. Zwischen Raucher- und Nichtrauchertarif besteht dann etwa ein durchschnittlicher Prämienunterschied von 40 Prozent.


Neben der Providentia und der Zürich führen heute auch die Elvia und die Allianz einen Nichtrauchertarif. Bei der Generali, welche die Secura aufgekauft hat, und bei der National wird die Unterscheidung im nicht garantierten Überschuss vorgenommen.


Die Klassenteilung in Raucher und Nichtraucher und allenfalls sogar in Gelegenheits- und Gewohnheitsraucher ist nicht ganz unproblematisch: Neben dem Problem der bereits genannten Entsolidarisierung stellen sich Fragen der Kontrolle. Der Versicherte hat schriftlich zu bestätigen, wie es um seine Rauchergewohnheiten bestellt ist. Was ist aber, wenn sich diese Gewohnheit im Verlauf der Zeit verändert? Was stellen die Versicherer im Falle eines Todes für Untersuchungen an? Gibts allenfalls unangenehme Diskussionen zwischen Versicherungsgesellschaft und Begünstigten? Die Anbieter von Nichtrauchertarifen verneinen dies und verweisen auf die klaren Richtlinien. Ein ungutes Gefühl bleibt trotzdem bestehen.

Raucher müssten höhere Renten bekommen


Klar und eindeutig scheint hingegen die Diagnose zu sein, dass Raucher einem grösseren Gesundheitsrisiko ausgesetzt sind. «Rauchen gilt als die wichtigste vermeidbare Ursache von vorzeitigem Tod», schreiben die Forscher des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern. Wenn dem so ist, worüber eigentlich kein Zweifel besteht, müssten die Anbieter konsequenterweise auch bei den Rentenversicherungen und nicht nur bei den Todesfallversicherungen unterschiedliche Tarife einführen. Das würde heissen, dass Raucher dank der statistisch erwiesenen kürzeren Lebenserwartung in den Genuss von höheren Renten kämen. Davon wollen die Versicherer hingegen (noch) nichts wissen.


Erschienen im CASH am 2. Februar 2001

Claude Chatelain