Chatelain rät: WIR-Bank senkt Sparzinsen

Ich habe vor drei Jahren bei der WIR-Bank ein Konto eröffnet. Der Zins lag bei 3,25 Prozent. Leider hat die WIR-Bank seither die Zinsen nach und nach gesenkt und bietet heute kaum mehr attraktivere Konditionen als die Konkurrenz. Diese Lockvogelpolitik ärgert mich. Sie sollten ruhig mal darüber schreiben. Sie haben schliesslich die WIR-Bank auch regelmässig empfohlen. F. K., via E-Mail

Ich werde häufig gefragt, welche Bank die höchsten Zinssätze anbietet. Da kann ich mich nur wiederholen: die WIR-Bank. Das gilt auch heute noch, obschon der Sparzins auf den 1. August erneut gesenkt wird. Denn mit dem Zins von 1,25 Prozent liegt die WIR-Bank im Konkurrenzvergleich noch immer an der Spitze. Aber Sie haben natürlich Recht: Die Zeiten sind vorbei, als die WIR-Bank die Hitparade der Zinssätze mit Abstand anführte. Vor drei Jahren bot sie 3,25 Prozent. Vergleichbare Konti bei der UBS, der CS oder den Raiffeisenbanken wurden damals mit 1,25 Prozent verzinst. Der Abstand war also riesig. Und zwar so riesig, dass sich Mitbewerber und Kunden fragten, ob da nicht etwas faul sei. Die WIR-Bank erklärte, als Genossenschaft sei man nicht dem gleichen Druck ausgesetzt wie Aktiengesellschaften. Auch die schlankere Kostenstruktur erlaube höhere Zinsen. Dies ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Die WIR-Bank wollte vor allem eins: auf sich aufmerksam machen. Sie war neu auf dem Markt und konnte nur mit überdurchschnittlichen Leistungen Kunden anlocken.

Dieses Vorgehen ist üblich: Man kann es derzeit auch auf dem Hypothekarmarkt beobachten. PostFinance offeriert deutlich tiefere Zinsen als die Konkurrenz. Hier gilt das Gleiche: PostFinance ist neu auf dem Markt und muss mit marktschreierischen Angeboten auf sich aufmerksam machen. Und zwar so lange, bis der Fisch angebissen hat. Dann wird auch PostFinance ihre Konditionen dem Durchschnitt angleichen - nach dem Motto: wie WIR, so auch wir.


Erschienen im BLICK am 6. August 2005

Claude Chatelain