Vierte Säule: Dividendenpapiere verdrängen die Zinspapiere

Wer Obligationen kauft, tut dies wegen des Zinsertrags, der alle Jahre dem Konto gutgeschrieben wird. Wer hingegen Aktien kauft, tut dies  in der Hoffnung auf steigende Kurse.

So klang es in der Vergangenheit. Heute ist alles anders: Die Zentralbanken überschwemmen die Wirtschaft mit derart viel Geld, dass dieses praktisch gratis zu haben ist. Der Zins, der Preis für das Geld, ist nahe bei null oder sogar negativ. Ergo werfen Obligationen derzeit kaum mehr Erträge ab.

 

Anders die Aktien: Etliche schütten  wiederholt üppige Dividenden aus. Viele  Anleger, welche auf eine regelmässige Ausschüttung angewiesen sind, kommen daher mit Aktien eher auf die Rechnung als mit Obligationen. So sind die Dividendenpapiere zu so etwas wie einem Obligationenersatz mutiert. Setzt man die Dividende in Relation zum gegenwärtigen Aktienkurs, ergibt sich daraus die Dividendenrendite. Bei Nestlé beispielsweise beträgt sie 3 Prozent; bei Novartis 2,8 Prozent, bei Swisscom 4 Prozent, bei Sunrise 4,5 Prozent und bei der Zürich gar 5,44 Prozent. Selbst wenn das Unternehmen die Dividende wegen eines enttäuschenden Geschäftsjahres halbieren müsste, resultieren immer noch höhere Renditen als mit Obligationen.

 

Nun hat die Nationalbank Mitte Januar die Aktionäre ziemlich wachgerüttelt. Mit der Aufhebung der Eurountergrenze und der damit einhergehenden Verteuerung des Frankens befürchten Investoren insbesondere bei den exportorientierten  Schweizer Unternehmen erhebliche Gewinneinbussen. Nimmt man all die veröffentlichten Analysen zum Gradmesser, scheinen sich  die Aktionäre weniger über einen Taucher des Aktienkurses  denn über die Kürzung der Dividende zu sorgen. Dividendenpapiere haben die Funktion von Zinspapieren übernommen.

 

Fazit: Wer auf Kursgewinne setzt, kauft Aktien. Und wer regelmässige Ausschüttungen wünscht, kauft ... Aktien. Ein diversifiziertes Portefeuille sieht anders aus.

 

Erschienen in der BZ am 10. Februar 2015

Claude Chatelain