Vierte Säule: Regierungen vertrauen zu sehr auf Zentralbanker

Georte W. Bush war Präsident der USA, als die Saat für die Finanzkrise gelegt wurde.
Georte W. Bush war Präsident der USA, als die Saat für die Finanzkrise gelegt wurde.

Beispiel USA: Nach Ausbruch der Finanzkrise war es nicht das Geschwätz eines George W. Bush oder eines Barack Obama, das dem System zu Stabilität verhalf. Es war die Federal Reserve Bank. Sie überflutete die Märkte mit Liquidität und bewahrte damit das weltweite Finanzsystem vor einem Zusammenbruch – koste es, was es wolle.

Angela Merkel.
Angela Merkel.

Beispiel Europa: Auf die Finanzkrise folgte die Schuldenkrise und damit die Eurokrise. Auch hier waren es nicht Angela Merkel und schon gar nicht Nicolas Sarkozy oder sein Nachfolger François Hollande, die die Märkte zu beruhigen wussten. Es war Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, der mit seinem denkwürdigen Satz von Mitte 2012 die Spekulanten in die Schranken wies: «Die Europäische Zentralbank ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Glauben Sie mir: Es wird genug sein.» Noch gilt Draghi als Retter des Euro.

Nationalbank-Präsident Thomas Jordan beteuerte, den Eurokurs zu stützen - und tat es dann doch nicht.
Nationalbank-Präsident Thomas Jordan beteuerte, den Eurokurs zu stützen - und tat es dann doch nicht.

Beispiel Schweiz: Als der Franken immer stärker und stärker wurde, schnürten Bundesrat und Parlament flugs ein Hilfspaket für die Exportindustrie. Doch das Paket brachte nichts. Es war die Notenbank, die mit ihren beherzten Devisenkäufen den Eurokurs auf 1.20 Franken  stabilisierte –  koste es, was es wolle. Die Schweizerische Nationalbank galt der Retter der Nation.

Fazit: Regierungen verschulden sich und lassen sich von den immer mächtiger werdenden Banken in Geiselhaft nehmen. Und wenn es brennt,  müssen die Zentralbanken die Kastanien aus dem Feuer holen.  «Es besteht die Gefahr, dass die Geldpolitik mit Aufgaben überfrachtet wird, die nicht in ihre Kompetenzen und in ihre Zuständigkeit fallen», schrieb die Denkfabrik Avenir Suisse im Juli 2013.


Noch schlimmer: Die Regierungen können dem Schlendrian frönen und sich sagen: «Die Zentralbank wird es schon richten.» Deshalb ist es positiv, dass  Thomas Jordan die Grenzen aufgezeigt hat. Und was die Eurozone betrifft: Je länger die EZB geldpolitische Feuerwehrübungen durchführt, desto weniger Druck verspüren Länder wie Frankreich und Italien, ihre verkrusteten Strukturen aufzubrechen.

Erschienen in der BZ am 20. Januar 2015

Claude Chatelain