Conchita Wurst hielt keine Rede

Conchita Wurst am Alpensymposium in Interlaken.
Conchita Wurst am Alpensymposium in Interlaken.

Wer sich am Alpensymposium in Interlaken auf die Rede von Conchita Wurst freute, wurde gestern enttäuscht. Es gab  nur ein Interview, geführt vom TV-Mann  Stephan Klapproth.

Was will die Siegerin des letztjährigen Eurovision Song Contest den Geschäftsleuten am Alpensymposium auf den Weg geben? «Huch das weiss ich nicht. Man darf nichts Revolutionäres von mir erwarten», erklärte Conchita Wurst dieser Zeitung (Ausgabe vom Montag).


Nun, Conchita Wurst hatte nicht zu viel versprochen. Die österreichische Sängerin hielt gestern gar keine Rede, wie man das aufgrund des Programms erwarten durfte. Gemäss ihrer Website  hätte sie in Interlaken sogar den Keynote Speech halten sollen. Stattdessen wurde sie von Tagungsmoderator Stephan Klapproth interviewt, vielen bekannt als Moderator des Nachrichtenmagazins «10-vor-10». Klapproth ist ein witziger und unterhaltsamer Tagungsmoderator; doch Interviews führen war noch nie seine Stärke. Dabei hätte die Travestiekünstlerin auch Geschäftsleuten durchaus Interessantes zu berichten gewusst, wenn sie nur dazu gekommen wäre.


Wie ist das mit dem Grammy?


«Ich will einen Grammy. Und darauf werde ich hinarbeiteten», sagte die Musikerin dieser Zeitung. Den Teilnehmern in Interlaken hätte wohl eher interessiert, wie sie dieses Ziel erreichen will, wir ihre Strategie aussieht und wie sie die Kunstfigur Conchita Wurst zu vermarkten gedenkt. Dass sie diesbezüglich klare Vorstellungen hat, konnte man lesen. Nach dem Sieg am Eurovision Song Contest in Kopenhagen wurde die Künstlerin derart mit Anfragen überhäuft, dass sie gleich eine Firma mit mittlerweile acht Mitarbeitern gründete. Was machen diese Mitarbeiter? Sie wurde nicht danach gefragt.


So erzählte die bärtige Sängerin von ihren zwei Herzen in der Brust, von Tom Neuwirth, der er bis 17-jährig war und heute als Privatperson noch immer  ist. Und natürlich von Conchita Wurst, die sie auf der Bühne darstellt. Sie erzählte von ihrer Jugend: «Es war nicht einfach, in einem 3500-Seelen-Dorf zu merken, dass man anders ist». Sie erzählte, wie der Tom langweilig und faul sei, aber Conchitas Rechnungen bezahle. Und sie sagte, dass Udo Jürgens und Arnold Schwarzenegger bewiesen hätten, dass man auch als Österreicher weltberühmt werden könne. Zweifellos interessante Fragen für eine Fernsehsendung wie «Glanz und Gloria». Und für Businessleute ohne Anspruch auf Weiterbildung ein entspanntes Intermezzo.

 

Erschienen in der BZ am 14. Januar 2015

Claude Chatelain