Deutliche Prämiensenkungen bei der Erwerbsunfähigkeits-Versicherung

An die jährlich steigenden Krankenkassenprämien haben sich die Schweizerinnen und Schweizer gewöhnt. Wie ein Anachronismus mutet an, dass bei der Erwerbsunfähigkeitsversicherung just das Gegenteil passiert.

Die Zahl der IV-Rentner nimmt ab: Nicht weil es dem Schweizervolk gesundheitlich besser geht, sondern weil erstens IV-Stellen und Gerichte die Schraube angezogen haben und zweitens immer mehr IV-Rentner wieder in den Arbeitsprozess integriert werden können. Von dieser Entwicklung profitieren die Lebensversicherer beziehungsweise deren Prämienzahler: Vermindert sich das Invaliditätsrisiko, so können die Versicherer tiefere Prämien kalkulieren. Sie tun es tatsächlich.

 

Reduktion um 32 Prozent

 

Die Helvetia-Versicherung beispielsweise hat die Prämie für die Erwerbsunfähigkeitsversicherung (EU) innerhalb der letzten 5 Jahre um sage und schreibe 32 Prozent gesenkt, Nationale Suisse um 22 Prozent und Allianz Suisse um 18 Prozent. Was Helvetia betrifft, ist freilich einzuräumen, dass sie früher im Branchenvergleich sehr teuer war. Nun ist sie bei den günstigsten.

 

Verglichen sei hier nicht die Jahresprämie, sondern die Summe aller Prämien über 25 Jahre. Die Zahldauer ist von Versicherer zu Versicherer verschieden. Bei gewissen Anbietern zahlt man in den letzten 3 oder 4 Jahren keine Prämien mehr.

 

Interessant: Bei Swiss Life zahlt man heute trotz geringerem Invaliditätsrisiko mehr als vor 5 Jahren. «Wir haben seit 2010 die Tarifgrundlagen unverändert belassen; hingegen wurde der technische Zins durch die Finanzmarktaufsicht (Finma) mehrmals gesenkt. Das führt automatisch zu leicht schlechteren Leistungen», erklärt Paul Weibel, Leiter des Bereichs Privatkunden. Doch aufs kommende Jahr wird Swiss Life den Tarif senken und damit ein attraktiveres Produkt anbieten.

«Der Markt der EU-Versicherung ist recht volatil. Wiederholte Tarifsenkungen führen regelmässig zu Verschiebungen in der Rangliste», konstatiert Weibel.

 

Laut Matthäus Beer von der Baloise sind die Versicherer auch bei der EU-Versicherung bestrebt, risikogerechtere Prämien festzulegen. Diesen Trend erkennt man etwa an der Anzahl der Berufskategorien, die im Verlauf der letzten Jahre zugenommen hat. Das Risiko einer krankheitsbedingten Erwerbsunfähigkeit ist auch von der beruflichen Tätigkeit abhängig. Deshalb kennen die Versicherer unterschiedliche Prämienkategorien. Die Mobiliar beispielsweise kannte vor 2010 noch fünf Berufskategorien; heute sind es deren acht.

 

Zählt bald auch der BMI?

 

Laut Matthäus Beer ist es durchaus vorstellbar, dass Versicherer in Zukunft auch den Body-Mass-Index oder andere Gesundheitsindikatoren bei der Prämienkalkulation berücksichtigen, wie das bei der Todesfallversicherung mittlerweile schon fast Standard ist.


Noch etwas: Die Prämienreduktionen gemäss Tabelle betreffen einen 40-jährigen kaufmännischen Angestellten. Gut möglich, dass die Prämien für andere Berufsklassen stagnieren oder sogar zunehmen. Vergleichsdienste wie Info4insider nehmen immer die gleichen Musterversicherten, sogenannte Model-Points. So wird der Produktmanager darauf achten, dass sein Produkt insbesondere bei solchen Model-Points und den entsprechenden Ranglisten gut dasteht.

 

 

INFOTHEK

Erwerbsunfähigkeitsversicherungen können für Leute sinnvoll sein, die keine Pensionskasse haben oder auch sonst unzureichend gegen Erwerbsunfähigkeit versichert sind. Ein 40-jähriger kaufmännischer Angestellter zahlt bei der Allianz Suisse eine Nettoprämie von 889 Franken pro Jahr. Bei einem Vertrag über 25 Jahre und einer Zahldauer von 23 Jahren ergibt das ein Prämientotal von 204 467 Franken.

In dieser Prämie sind Überschussgutschriften von 189 Franken pro Jahr kalkuliert. Sie sind abhängig vom Risikoverlauf und nicht garantiert. Ohne Überschüsse beträgt die Bruttoprämie bei der Allianz Suisse 1078 Franken. Die Mobiliar kalkuliert die Prämie ohne Überschüsse und verschont vor falschen Erwartungen.


Erschienen in der BZ am 22. Dezember 2014


Claude Chatelain