Die Unia macht sich unbeliebt

Der vor einem Jahr in Kraft getretene Gesamtarbeitsvertrag für Pflegeheime im Kanton Bern ist gefährdet. Schuld ist die Unia. Sie will ihre Teilnahme an den GAV-Verhandlungen auf gerichtlichem Weg erzwingen.

Gewerkschaften sind bekannt dafür, dass sie mit Arbeitgeberorganisationen streiten. Das gehört zu ihrer ureigenen Aufgabe. Doch die Unia streitet derzeit lieber mit anderen Arbeitnehmerorganisationen. Dieser Tage wurde bekannt, dass die nach eigenen Angaben grösste Gewerkschaft der Schweiz gegen den Verband Angestellte Schweiz eine Klage einreichte. Es geht um Geld. Die Unia wirft dem Verband vor, dem Solidaritätsbeitragsfonds der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) zu viel Geld entnommen zu haben.


Ein Streit ums Geld


Am Donnerstag wandten sich die Verbände Syna, Swissmem, Angestellte Schweiz, KV Schweiz und SKO an die Medien. Sie werfen Unia vor, die MEM-Sozialpartnerschaft zu torpedieren. «Unia geht es offensichtlich darum, mit Angestellte Schweiz den mitgliedermässig grössten Arbeitnehmerverband in der Industrie aus dem Weg zu räumen», steht im Communiqué. Der nationale Streit der Sozialpartner in der Maschinenindustrie ist jedoch nur das eine Schlachtfeld, auf dem sich die Unia tummelt. Ein anderes ist im Kanton Bern im Bereich der Pflegeheime. So will die Unia den Arbeitgeberverband Dedica und die Personalverbände SBK Bern (Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner) und VPOD verklagen. Diese drei Organisationen handelten einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) für Pflegeheime im Kanton Bern aus. Diverse Pflegeheime führten ihn auf den 1. Januar 2014 ein.


Ein Streit um Macht


Das stört die Unia. «Wir möchten zu den Verhandlungen zugelassen werden. Wir haben im Pflegebereich ebenfalls zahlreiche Mitglieder», sagt Udo Michel, der bei der Unia für die Langzeitpflege-Branche zuständig ist. Deshalb hat die Unia beim Gericht Oberland-Thun ein Schlichtungsgesuch eingereicht. Sollten die genannten Sozialpartner nicht darauf eingehen, kann das Gericht eine Klagebewilligung erteilen. Die Unia könnte danach ihre Teilnahme an den GAV-Verhandlungen erzwingen. «Wir hoffen», so Udo Michel, «dass wir uns im Schlichtungsverfahren einigen können.» Davon will Matthias Moser nichts wissen. «Sollte die Unia die Teilnahme an GAV-Verhandlungen erzwingen, werden wir den GAV kündigen», sagt der Geschäftsführer der Dedica, welcher 17 Institutionen im Kanton Bern angeschlossen sind.


«Unia gaukelt vor»


Eine davon ist der Verein Solina mit Betrieben in Spiez und Steffisburg. Geschäftsführer ist SP-Grossrat Patric Bhend. Er bestätigt, dass die Unia an den beiden Standorten Urnen aufgestellt habe und eine Befragung bei seinen rund 600 Mitarbeitern durchführe. Der Unia geht es offensichtlich darum, im Bereich Pflege Fuss zu fassen. «Die Unia gaukelt unseren Leuten vor, sie hätte sich während Jahren für ihre Anliegen eingesetzt. Das ist nicht der Fall», sagt Bhend. Der SP-Grossrat stört sich stark am Vorgehen der Unia. «Ginge es ihr wirklich um das Wohl der Mitarbeiter, so müsste sie sich für höhere Kantonsbeiträge einsetzen, dann könnten wir dem Pflegepersonal höhere Löhne zahlen.» Keine Freude am Vorgehen der Unia hat Bettina Dauwalder vom VPOD Bern: «Der GAV für Pflegeheime im Kanton Bern ist nach jahrelangen Bemühungen zustande gekommen und ist eine grosse Errungenschaft. Das Vorgehen der Unia erschwert unsere Arbeit.» Bettina Dauwalder findet zudem, dass die Unia in ihrem angestammten Gebiet eigentlich genug zu tun hätte.

Anzumerken bleibt noch, dass die Unia wie auch der VPOD dem Gewerkschaftsbund angeschlossen sind.


Erschienen in der BZ am 20. Dezember 2014

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Claude Chatelain