Vierte Säule: Keine Michelin-Sterne für Spitäler

Es gibt Leute, die möchten für Spitäler ein Rating einführen. Kürzlich war das auch Thema an einem Kolloquium. Der Moderator fragte, ob für Spitäler eine Art Gault-Millau-Punkte oder Michelin-Sterne sinnvoll wären, so wie man das von den Restaurants kenne
Das Lindenhofspital in Bern.

Es gibt Leute, die möchten für Spitäler ein Rating einführen. Kürzlich war das auch Thema an einem Kolloquium. Der Moderator fragte, ob für Spitäler eine Art Gault-Millau-Punkte oder Michelin-Sterne sinnvoll wären, so wie man das von den Restaurants kenne. Dieser Vergleich hinkt.

Gäbe es für Spitäler eine Punktewertung, so würde sich jeder nur im besten Spital behandeln lassen wollen. Es kostet ja nicht mehr. In Gastronomiebetrieben dagegen zeigt sich die Situation deutlich anders: Je mehr Punkte, desto saftiger die Rechnung.

Doch der Preis ist für mich nur einer von drei Gründen, weshalb ich vor zu vielen Punkten und Sternen zurückschrecke. Gehe ich in einen Gasthof, geht es mir um eine gemütliche und romantische Atmosphäre und nicht darum, kulinarische Kunstwerke zu bestaunen. Wobei ich nicht gesagt haben will, dass das Auge nicht mitisst. Zudem möchte ich mich im Restaurant mit meiner Partnerin oder einem schon lange nicht mehr gesehenen Freund unterhalten. Je mehr Gault-Millau-Punkte, desto schwieriger ist dieses Unterfangen: Der halben Brigade muss man im Minutentakt die Frage beantworten: «Isches rächt?» Nimmt man einen Schluck Wein, wird gleich nachgeschenkt. Meine Gegenüber kommen deshalb immer zu kurz. Und kaum hat man den Faden des Gesprächs wieder aufgenommen, entschuldigt sich schon wieder eine Servicefachangestellte am Tischrand und gibt ihren eingeübten Vortrag über die kulinarischen Kreationen des Hauses zum Besten.

Apropos störendes Personal: Als ich vor ein paar Jahren im Spital lag und nach einer schlaflosen Nacht am heiterhellen Nachmittag endlich den Schlaf des Gerechten finden konnte, glaubte die Pflegefachfrau, mich wecken und mir sagen zu müssen, dass jetzt Schichtwechsel sei und Pflegefrau Soundso für mich zuständig sei. Wie war ich sauer. Den Namen des Spitals verrate ich nicht. Sonst kriegt es noch Gault-Millau-Punkte.


Erschienen in der BZ am 16. Dezember 2014

Claude Chatelain