Standpunkt: Im Fall Sika steht auch der Gesetzgeber in der Kritik

Die Aktionäre des Baustoffkonzerns Sika sind ziemlich verärgert über die Besitzerfamilie Burkhard-Schenker. Mit ihrem Groll befinden sie sich in bester Gesellschaft: Auch in der Öffentlichkeit ist das Entsetzen gross. Die «Finanz + Wirtschaft» spricht ironisch davon, einen neuen Preis zu stiften, den «Praktikus-Preis für zerstörtes Vertrauen und miserable Corporate Governance». Der erste Preisträger sei gesetzt: die Familie Burkhard-Schenker.

Die Gründerfamilie ist schuld, dass der Kurs der Sika-Aktien – zum Schaden der Kleinaktionäre – in einer Woche um über 20 Prozent gefallen war. Sie kontrolliert zwar nur 16 Prozent des Kapitals, aber 52 Prozent der Stimmen. Da sie nun ihr Aktienpaket zu einem Aufpreis von 80 Prozent an den französischen Industriekonzern Saint-Gobain verkauft und sich um 2,7 Milliarden Franken bereichert, suchten die übrigen Aktionäre das Weite, was zum Kurssturz führte.

Der Groll gegenüber der Familie Burkhard-Schenker ist nachvollziehbar, ihre Mitglieder haben aber nichts Illegales getan. Sie haben womöglich Verwaltungsrat und Geschäftsleitung düpiert, indem sie hinterrücks den Deal einfädelten. Doch dem Aktionär muss bekannt gewesen sein, dass die Nachkommen des Firmengründers die Stimmrechte kontrollieren. Er muss auch gewusst haben, dass in den Statuten die Opting-out- Klausel verankert ist. Gemäss dieser Klausel ist der Käufer eines Aktienpakets nicht verpflichtet, den übrigen Aktionären ein Kaufangebot zu unterbreiten, wie das sonst üblich und vorgeschrieben ist.

Neben Sika kennen rund zwei Dutzend weitere börsenkotierte Unternehmen diese Opting-out-Klausel, darunter so wohl klingende Namen wie Swatch Group, Kudelski, Kuoni und Zehnder. Die Familie Hayek könnte also theoretisch mit ihrer Swatch Group gleich verfahren wie die zwölf Mitglieder der Familie Burkhard-Schenker.

Nicht nur die Familie Burkhard-Schenker ist zu rügen, sondern auch der Gesetzgeber. Er ist verantwortlich dafür, dass die Opting-out-Klausel im Aktienrecht verankert ist. Damit schützt der Gesetzgeber nicht den Kleinaktionär, sondern vielmehr den Grossaktionär, der mit wenig Kapital und grosser Stimmkraft das Unternehmen kontrolliert. Wer den Moralfinger hebt und von einer «schrecklich gierigen Familie» spricht, sollte sich auch darüber ärgern, dass der Kapitalismus so funktionieren kann, weil ihn der Gesetzgeber so laufen lässt.


Erschienen in der BZ am 15. Dezember 2014

Claude Chatelain