Wann platzt die CO2-Blase?

Würden die Klimaschutzziele umgesetzt, dann wären die Unternehmen, die fossile Energie fördern, überbewertet. Umweltschutzverbände empfehlen daher, von solchen Aktien die Hände zu lassen. Die Forderung ist vorab politisch motiviert.

Um die Jahrtausendwende platzte die Dotcom-Blase; 2007 zerbarst die Immobilienblase. Und heute? Heute bildet sich eine «carbon-bubble». Dies ist zumindest die Überzeugung von Umweltverbänden. Sie sagen, die Aktien der Hersteller fossiler Energie seien überbewertet. Ein Crash dieser Titel stehe bevor. Auch die Grossbank HSBC soll auf die Risiken hingewiesen haben.

 

«Investoren steigen aus»

 

«Die Titel fossiler Energie sind doppelt unter Druck», sagt Katharina Serafimova, Finanzspezialistin beim WWF Schweiz. «Einerseits verschärfen viele Staaten die Gesetze, um die Risiken fossiler Energien einzudämmen und die Energieversorgung in Richtung erneuerbarer Energien zu lenken. Andererseits steigen immer mehr Investoren aus Investitionen in fossile Energie aus.» Und das ist fatal, denn die zweihundert grössten Konzerne, die fossile Energie fördern, weisen ein gigantisches Kapital in Höhe von 4000 Milliarden Dollar auf. Es drohe deshalb ein massiver Kurssturz mit unabsehbaren Folgen. Gerhard Wagner, Leiter nachhaltige Anlagen bei Swisscanto, sieht das differenzierter: «Wenn die Klimaschutzziele umgesetzt würden, dann wären die Wertpapiere der Unternehmen, die fossile Energieträger fördern, überbewertet», sagt er. Wagner denkt dabei insbesondere an das 2-Grad-Ziel, die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen. Wenn man bedenkt, wie hemmungslos die Amerikaner nun mit dem umstrittenen Fracking Schiefergas fördern, erscheinen Zweifel am Erreichen solcher Ziele berechtigt. Auch Gerhard Wagner zeigt sich skeptisch, dass das 2-Grad-Ziel erreicht wird. Offensichtlich gehen auch die Aktionäre davon aus, dass der Klimaschutz nicht wie erhofft stattfinden wird, sonst würden sie die einschlägigen Aktien auf den Markt werfen und einen Kurssturz verursachen.

 

Nur Transocean ist auf der schwarzen Liste

 

Wer hingegen die Drohungen der WWF-Vertreterin ernst nimmt, wird sein Portefeuille von solchen Aktien säubern. Es sind dies meist bekannte Marken. Die grösste Kapitalisierung bringt Chevron auf die Waage, gefolgt von ExxonMobil, BP und Royal Dutch. Als Schweizer Unternehmen figuriert bloss Transocean auf der schwarzen Liste von Greenpeace. Das ist jener Bohrkonzern, der mit der Ölplattform Deepwater Horizon das Umweltdesaster im Golf von Mexiko anrichtete und mit der Schweiz ausser dem Holdingsitz wenig zu tun hat. Katharina Serafimova empfiehlt Privatanlegern den Kauf von Ökofonds, welche ausdrücklich keine Titel fossiler Energie führen. Bekannt ist etwa der Swisscanto Climate Invest, der in Zusammenarbeit mit dem WWF aufgegleist wurde. Dieser Aktienfonds hat freilich den Makel, dass er punkto Rendite nicht zu den besten gehört. Das ist zum Teil damit zu begründen, dass die grünen Fonds von Swisscanto seit längerem auf Energietitel verzichten – und diese eben besser abgeschnitten haben.

Achtung: Öko ist nicht gleich Öko. Gewisse Nachhaltigkeitsfonds investieren in Ölaktien, indem sie den Best-in-Class-Ansatz verfolgen: Bei diesem sogenannten positiven Ansatz werden jene Unternehmen herausgepickt, die sich innerhalb der Branche aus ökologischer Warte am vorbildlichsten verhalten. Lange Jahre zählte BP zu solchen Vorzeigeunternehmen, bis dann die Ölplattform Deepwater Horizon explodierte. Beim negativen Ansatz verzichtet der Fonds ausdrücklich auf bestimmte Branchen, eben zum Beispiel auf Betreiber von Kraftwerken und Verkäufer fossiler Energieträger. Leider liegt die Transparenz in der Fondsindustrie im Argen. Auf den Faktenblättern der einschlägigen Ökofonds stehen zwar viele Zahlen, aber keine Angaben darüber, welche Branchen aus grundsätzlichen Erwägungen gemieden werden. Immerhin ist festzustellen, dass inzwischen die Ölfirmen nur noch in wenigen Fällen die grössten Aktienpositionen stellen. Doch wenn zum Beispiel beim Raiffeisen Fonds Clean Technology steht, 51 Prozent des Portefeuilles sei im Sektor «Industrie» angelegt, so lässt sich kaum herauslesen, ob sich darunter nicht auch Ölkonzerne befinden.

 

Die Sorge um den Anleger ist nur vorgeschoben

 

Bei all den Warnungen vor einem Platzen der «carbon-bubble» geht es den Umweltverbänden und ihren politisch Verbündeten höchstens in zweiter Linie um die Befindlichkeit der Anlegergemeinde. In erster Linie verfolgen sie politische Ziele: «Wer in Förderer von fossiler Energie investiert, investiert in die Klimaerwärmung und gefährdet unsere Lebensgrundlagen», lautet ihre Botschaft. Am liebsten möchten sie Nationalbank, AHV und all die Pensionskassen dazu zwingen, auf den Kauf von Wertschriften von Unternehmen, die fossile Energieträger fördern, zu verzichten. Der Basler SP-Nationalrat Beat Jans reichte im Frühling eine Motion ein: «Der Bundesrat wird gebeten, die gesetzlichen Grundlagen dahingehend zu ändern, dass die Einrichtungen der beruflichen Vorsorge keine Anlagen in Konzerne tätigen dürfen, welche fossile Energieträger wie Erdöl, Erdgas oder Kohle fördern oder entsprechende Rohstoffreserven besitzen», schrieb Jans in seiner Motion, die mit Ausnahme des Berner Grünliberalen Jürg Grossen ausschliesslich von Mitgliedern der SP mitunterzeichnet wurde.

 

 

Der Bundesrat sieht keinen Handlungsbedarf

 

Der Bundesrat will von diesem Ansinnen nichts wissen, wie er am 24. Mai in seiner Antwort schreibt. Nach seiner Schätzung beträgt der durchschnittliche Anteil der Energiefirmen am Vorsorgevermögen rund 1,7 Prozent. Die Energiefirmen würden es kaum wahrnehmen, wenn die Schweizer Pensionskassen auf entsprechende Investitionen verzichteten. «Somit sind von einem allfälligen Verbot von Anlagen in der Energiebranche auch keine positiven Auswirkungen auf den Klimaschutz zu erwarten», schreibt der Bundesrat.

 

Erschienen in der BZ am 9. Dezember 2014

Claude Chatelain