Vierte Säule: "Werde schwanger - und es wird gesorgt für dich"

Heute berät der Ständerat Neuerungen im Kinderunterhaltsrecht. Es soll dem gesellschaftlichen Wandel angepasst werden. Der unverheiratete Vater soll fortan nach der Trennung nicht nur das Kind, sondern auch die Mutter finanziell unterstützen. Damit würde er den verheirateten Vätern gleichgestellt. So hat es der Nationalrat in der Sommersession beschlossen.

Ausgerechnet Linke und Grüne machen sich für diese Anpassung stark, die sonst über Frauen schnöden, die die tägliche Betreuung des Kindes einer Erwerbstätigkeit vorziehen. Sie zementieren damit das alte Rollenbild, wonach die Mutter nicht für sich selber sorgen kann und vom zahlenden Ex-Partner abhängig ist – ein unselbstständiges Wesen, sozusagen. Drei Fragen:

  1. Weshalb um alles in der Welt sollen Mütter ein Anrecht darauf haben, dass jemand für sie aufkommt?
  2. Sind Frauen, sobald sie Kinder haben, nicht mehr in der Lage, sich selbst zu ernähren?
  3. Macht sie eine Schwangerschaft automatisch behindert und bedürftig?


Sie können mich nun, liebe Leser, als unverbesserlichen Macho qualifizieren. Ich bin fein raus. Die drei rhetorisch gestellten Fragen stammen nicht von mir. Sie stammen von Bettina Weber, Ressortleiterin Gesellschaft bei der «SonntagsZeitung». Sie formulierte die Fragen im Juni im Anschluss an die Debatte im Nationalrat. Den Entscheid findet sie «beleidigend». Er suggeriere, dass Frauen ihrer Biologie hilflos ausgeliefert seien. «Von der Botschaft an junge Mädchen ganz zu schweigen: Sorge dich nicht, werde schwanger, und es wird gesorgt für dich», schrieb sie. Wenn das eine emanzipierte Frau meint, so will ich ihr nicht widersprechen. Ich frage mich, ob der Ständerat heute seinem Ruf als «Chambre de réflexion» gerecht wird und die Frage reflektiert, ob hier die Richtung stimmt. Vielleicht kommt die von Männern dominierte Runde zum selben Schluss wie Bettina Weber. Das wäre mutig.

 

Erschienen in de BZ am 2. Dezember 2014

Claude Chatelain