Vierte Säule: Sind private Schulden ein Kündigungsgrund?

Sie hatte private Schulden von 90 000 Franken. Deshalb wurde die Putzfrau beim Bund freigestellt. Das hat mein Kollege Mischa Aebi am Donnerstag in dieser Zeitung geschildert.

Eine besorgte Leserin hat sich darauf gemeldet. Sie wollte wissen, ob das wirklich stimme und ob sie nun um ihren Job bangen müsse. Auch sie habe private Schulden, von denen ihr Boss nichts wisse. «Kann man mir deshalb kündigen? Sind private Schulden wirklich ein Kündigungsgrund?», wollte sie wissen.

Willy Charles Zobrist war 22 Jahre lang Gerichtspräsident am Arbeitsgericht Interlaken-Oberhasli.
Willy Charles Zobrist war 22 Jahre lang Gerichtspräsident am Arbeitsgericht Interlaken-Oberhasli.

Aus gegebenem Anlass will ich hier einen weit verbreiteten Irrtum ausräumen. Wobei ich vorausschicken muss, dass besagte Leserin nicht beim Bund angestellt ist. Bei ihr gilt das Obligationenrecht (OR). Es ist nämlich so, dass man in der Schweiz gemäss OR einem Arbeitnehmer ohne jeglichen Grund künden kann. Lediglich auf Verlangen des Arbeitnehmers muss ein solcher genannt werden. Das bestätigt Willy Charles Zobrist aus Oberried am Brienzersee. Er muss es wissen: Er war 22 Jahre lang Gerichtspräsident am Arbeitsgericht Interlaken-Oberhasli. Nichtig sind hingegen Kündigungen zur Unzeit wie bei Schwangerschaft, Militärdienst oder Krankheit.

Nun werden Sie, liebe Leser, einwenden, Sie hätten schon gehört, dass man am Arbeitsgericht gegen «missbräuchliche Kündigung» klagen könne. Da haben Sie richtig gehört. Doch selbst bei einer missbräuchlichen Kündigung können Sie die Auflösung des Arbeitsverhältnisses nicht verhindern. Sie kommen höchstens in den Genuss einer Entschädigung in Höhe von maximal sechs Monatslöhnen.

In seinen 22 Jahren als Gerichtspräsident hat Willy Charles Zobrist nur einen Fall erlebt, in welchem der Arbeitgeber wegen einer missbräuchlichen Kündigung zu einer Entschädigung verknurrt wurde. «Es ist sehr schwierig, eine missbräuchliche Kündigung nachzuweisen», sagt Zobrist. «Als Arbeitgeber findet man immer einen legalen Entlassungsgrund.»

 

Erschienen in der BZ am 16. September 2014

Claude Chatelain