«Wir haben keinen Plan B»

«Wenn ich mit der Dienstleistung der Einheitskasse nicht zufrieden bin, kann ich nicht wechseln. Ich bin einer Einheitskasse ausgeliefert.»
«Wenn ich mit der Dienstleistung der Einheitskasse nicht zufrieden bin, kann ich nicht wechseln. Ich bin einer Einheitskasse ausgeliefert.»

Reto Dahinden ist überzeugt, dass die Kassenvielfalt in der Schweiz die Qualität fördert. Der Chef der Swica erklärt, weshalb das heutige System nicht einem Pseudowettbewerb gleichkommt.

 

 

Herr Dahinden, verschwindet Swica von der Bildfläche, falls sich der Souverän am 28. September für eine Einheitskasse ausspricht?

Reto Dahinden: Nein. Swica ist breit aufgestellt und kann auch ohne die Grundversicherung bestehen. Wir bieten Zusatzversicherungen an und sind stark im Unternehmensgeschäft, wo wir im Bereich der Taggeldversicherungen die Nummer eins in der Schweiz sind.

Wie sieht der Plan B aus?

Wir haben keinen Plan B, denn wir rechnen mit einem klaren Nein. Gravierender als für Swica wäre die Situation für unsere Versicherten. Als Folge unserer Positionierung als Gesundheitsorganisation haben wir zahlreiche Versicherte, die bewusst Swica gewählt haben. Diese wollen die Grundversicherung, die Zusatzversicherungen und unter Umständen auch die Taggeld- oder Unfallversicherung beim gleichen Anbieter haben.

Wie viele Ihrer Grundversicherten sind auch bei Ihnen zusatzversichert?
Von den insgesamt 695 000 Grundversicherten hat die grosse Mehrheit, rund 85 Prozent, unserer Kunden auch eine Zusatzversicherung bei uns abgeschlossen.

Eine Einheitskasse wäre für Swica doch interessant: Viele Leute wären verunsichert, die Nachfrage nach Zusatzversicherungen würde steigen.
Das trifft zu. Es würde eine erhöhte Nachfrage nach Zusatzversicherungen geben, dies ist aber nicht im Sinne der Versicherten. Zusatzversicherungen werden heute im Spitalbereich abgeschlossen sowie bei speziellen Bedürfnissen im ambulanten Bereich wie zum Beispiel für die Komplementärmedizin oder für Zahnbehandlungen. Was heute nicht existiert, sind Zusatzversicherungen für die ambulante Arztbehandlung. Bei Einführung einer Einheitskasse würde hier eine Nachfrage entstehen, sobald die Versicherten mit den Leistungen, die eine Einheitskasse bieten kann, nicht mehr zufrieden sind.

In Deutschland gibt es auch Zusatzversicherungen im ambulanten Bereich.

Ja. Aber im Gegensatz zu Deutschland, wo man wählen kann, ob man sich obligatorisch oder privat versichern lässt, ist dies in der Schweiz heute nicht möglich: Alle sind dem Versicherungsobligatorium unterstellt. Zusatzversicherte müssten somit die Prämien der Einheitskasse trotzdem bezahlen.

Jeder Versicherte soll entscheiden können, was er braucht und welches der passendste Versicherer für ihn ist. Wer bei uns versichert ist, wählt unsere Dienstleistungen bewusst.
Jeder Versicherte soll entscheiden können, was er braucht und welches der passendste Versicherer für ihn ist. Wer bei uns versichert ist, wählt unsere Dienstleistungen bewusst.

Was nützt es einem Versicherten, Grund- und Zusatzversicherung beim gleichen Anbieter zu haben, wenn er für die Grundversicherung bei einer anderen Kasse viel tiefere Prämien zahlt? Das ist doch ungerecht.

Wieso ungerecht? Alle haben volle Wahlfreiheit. Grund- und Zusatzversicherung beim selben Anbieter zu haben, bringt Synergien. Wir haben in der Schweiz einen einheitlichen medizinischen Grundleistungskatalog. Doch das Versicherungsangebot und der Umfang der Dienstleistungen ist komplett unterschiedlich.

Komplett unterschiedlich?

Es gibt Krankenkassen, die sich für Managed Care stark machen, solche, die nur via Onlineportal erreichbar sind, solche, die sich stark auf Prävention ausrichten oder keine Prävention betreiben. Einige sparen beim Service und verlangen dafür tiefere Prämien. Je nach dem, ob ein Versicherter jung oder alt, krank oder gesund ist, trifft er eine bewusste Wahl. Bei einer Einheitskasse würde diese Wahl wegfallen. Das finde ich eine viel grössere Ungerechtigkeit als die Prämienunterschiede.

Zentral ist doch der Versicherungsschutz, der in der Grundversicherung vom Gesetz vorgegeben ist. Die 61 verschiedenen Kassen betreiben höchstens einen Pseudowettbewerb.

Gesetzlich vorgegeben ist der medizinische Leistungsumfang. Alles andere ist dem Markt überlassen, und hier spielt der Wettbewerb. Nehmen wir das Beispiel von Swica: Wir legen grossen Wert auf den Kundendienst, auf lokale Präsenz, auf die telefonische Erreichbarkeit, auf unterschiedliche Versicherungsmodelle, auf die Gesamtberatung, auf die Gesundheitsförderung. Jeder Versicherte soll entscheiden können, was er braucht und welches der passendste Versicherer für ihn ist. Wer bei uns versichert ist, wählt unsere Dienstleistungen bewusst.

Wer Wert legt auf solche Dienstleistungen, kann eine Zusatzversicherung abschliessen.

Ich will aber als Versicherter auch in der Grundversicherung die Wahlfreiheit haben. Zudem besteht heute, wie schon erwähnt, kein Angebot an Zusatzversicherungen für Arztbehandlungen. Wenn ich mit der Dienstleistung der Einheitskasse nicht zufrieden bin, kann ich nicht wechseln. Ich bin einer Einheitskasse ausgeliefert.

Den Zusatzversicherungen ist man auch ausgeliefert. Wer ein Leiden hat, kann die Versicherung nicht wechseln.

Umso wichtiger scheint mir daher, wenigstens in der Grundversicherung die uneingeschränkte Wahlfreiheit zu haben.

"Ich fände es ungerecht, wenn die Landbevölkerung wie bei der Einheitskasse vorgesehen gleich hohe Prämien zahlt wie der Städter."
"Ich fände es ungerecht, wenn die Landbevölkerung wie bei der Einheitskasse vorgesehen gleich hohe Prämien zahlt wie der Städter."

Die unterschiedlichen Dienstleistungen, wie Sie sie aufzählten, vermögen doch die horrenden Prämienunterschiede nicht zu rechtfertigen. Ich bleibe dabei: Das ist ungerecht.

Ein Teil der Prämienunterschiede ist auch regionenbedingt. Ich fände es ungerecht, wenn die Landbevölkerung wie bei der Einheitskasse vorgesehen gleich hohe Prämien zahlt wie der Städter. Auf dem Land finden Sie den Arzt nicht um die Ecke, und man benötigt länger als ein paar Minuten für die Fahrt ins nächste Spital. Die medizinische Versorgung ist auf dem Land weniger ausgebaut als in der Stadt und wird auch weniger häufig in Anspruch genommen. Also ist es auch fair, dass die Landbevölkerung nur Prämien für das zahlt, was sie auch an Leistungen in Anspruch nimmt.


Die grossen Prämienunterschiede sind ja nicht eine Folge des unterschiedlichen Service. Sie sind eine Folge des unzureichenden Risikoausgleichs.

Das trifft nur zum Teil zu, und dieses Problem ist gelöst. Deshalb wurde im März eine weitere Verfeinerung des Risikoausgleichs beschlossen. Es ist wichtig, dass die aufgegleisten Reformen jetzt auch umgesetzt werden. Seit Jahren sind wir daran, ein System zu optimieren. Doch bevor die getroffenen Massnahmen und Verbesserungen wirken können, will man jetzt das ganze System umkrempeln. Das ist, wie wenn man eine Hausfassade streicht und dann das Haus abbricht, bevor die Farbe trocken ist.

Die Österreicher haben auch öffentliche Einheitskassen – und sind zufrieden damit.

Das würde ich nicht unterschreiben. Die rund zwanzig öffentlichen Gebietskrankenkassen sowie Berufsgruppenkassen in Österreich müssen nicht mit jedem Arzt einen Vertrag abschliessen. Es werden nur die Kosten von Konsultationen bei den Kassenärzten voll übernommen. Wer dagegen zu einem Arzt seiner Wahl geht – und das ist immerhin jeder Vierte –, erhält die Rechnung nur teilweise rückerstattet. Wer es sich nicht leisten kann, hat somit keine freie Arztwahl.

Eine Einheitskasse würde sich stark in der Prävention engagieren, wie das die Suva mit ihren Kampagnen auch tut.

Für Präventionskampagnen gibt es national und auch kantonal bereits unzählige Institutionen; nebst dem BAG etwa Gesundheitsförderung Schweiz, die BfU, die Aids-Prävention, Tabakprävention, Alkoholprävention, um nur einige zu nennen.

Wir sind uns einig: Die Krankenkassen sind nicht die Kostentreiber. Doch Werbung, Akquisitionen, Kassenwechsel – all das kostet Geld. Die Rede ist von einem Sparpotenzial von 400 Millionen Franken jährlich.
Wenn man auf Werbung und all die Ausgaben für den Kassenwechsel verzichten würde, könnte man vielleicht 80 Millionen Franken sparen. Das liegt im Promillebereich der gesamten Gesundheitskosten und steht somit in keinem Verhältnis zur jährlichen Kostensteigerung im Gesundheitswesen von rund 4 Prozent. Dafür die Wahlfreiheit und den Qualitätsdruck aufgeben? Das möchte ich nicht.

Was meinen Sie mit Qualitätsdruck?

Ich bin der festen Überzeugung, dass Wettbewerb und Wahlfreiheit die Qualität fördert. Swica gibt sich grosse Mühe, die Versicherten zufriedenzustellen. Es ist ein grosser Unterschied, ob man Kunden zufriedenstellen muss, weil man sie sonst an die Mitbewerber verliert, oder ob einem die Kundenzufriedenheit egal sein kann, weil der Kunde eh nicht abspringen kann.

 

 

ZUR PERSON

Reto Dahinden (50) ist seit Anfang 2012 Generaldirektor der Krankenversicherung Swica mit Sitz in Winterthur. 2011 sass er im Verwaltungsrat der Berner Krankenkasse KPT. Mit den dubiosen Machenschaften des KPT-Verwaltungsrats hatte er nichts zu tun. Er stiess erst Ende 2010 zur ehemaligen Beamtenkasse, als die Finanzmarktaufsicht ihre 

Abklärungen bereits in Angriff genommen hatte. Zuvor war der Innerschweizer zwölf Jahre bei der CSS in Luzern tätig, wo er zuletzt den Bereich Leistungen führte. Dahinden studierte Ökonomie an der Hochschule St. Gallen und schloss seine Studien mit dem Doktorat ab.

Erschienen in der BZ am 2. September 2014


Claude Chatelain