Standpunkt: Dank Draghi ist es seit zwei Jahren ruhig um den Euro

Das Wort von Mario Draghi hat Gewicht.
Das Wort von Mario Draghi hat Gewicht.

Heute jährt sich zum zweiten Mal der grosse Tag des Mario Draghi. Am 26. Juli 2012 sagte der Chef der EZB: «Die Europäische Zentralbank ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Glauben Sie mir: Es wird genug sein.»

Die Investoren glaubten ihm: Der Euro, von manch einem bereits als klinisch tot diagnostiziert, erlebte eine wahre Auferstehung. Er stieg seither von 1,20 auf 1,40 Dollar: Auch die Kurse der Staatsanleihen der Euro-Südländer wie Griechenland, Italien oder Spanien stiegen an; jene der Aktien im Euroraum sowieso. Allein die Dividendenpapiere italienischer Firmen verteuerten sich seither im Schnitt um 70 Prozent. Was also all die Staatschefs in unzähligen Krisengipfeln und mit wiederkehrenden Bekenntnissen zur Gemeinschaftswährung nicht zustande brachten, gelang dem EZB-Chef mit einem einzigen Satz. Das Wort eines Notenbankchefs hat mehr Gewicht als das eines Politikers oder einer Politikerin. Selbst wenn sie Angela Merkel heisst.

Mario Draghi vermochte also die Investoren bei Laune zu halten. Damit wurden aber die Probleme der Eurozone in keiner Art und Weise gelöst: Die Staatsverschuldung Griechenlands liegt mit 175 Prozent des Bruttoinlandprodukts auf ähnlichem Niveau wie vor Ausbruch der Krise, obschon dem griechischen Staat ein Teil der Schulden erlassen wurde. Auch in Italien hat sich die Schuldensituation kaum verbessert. «Trotz Sparbemühungen der Krisenländer sind die Schulden im Vergleich zur Wirtschaftsleistung weiter gestiegen», konstatiert die «Finanz und Wirtschaft».

Für Heinz-Werner Rapp vom deutschen Investmentspezialisten Feri hat Draghis Aussage die Eurozone in eine «gefähr- liche Vollnarkose versetzt». Die Risiken würden nicht mehr korrekt wahrgenommen, und die Anleihen seien nicht mehr adäquat bewertet. Für Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut in München «schwelt die Eurokrise unter dem Teppich».

«Draghi wird es schon richten», scheinen sich die Länder zu sagen. Damit wurde von ihnen der Druck genommen, sich zu reformieren. Das gilt insbesondere auch für Frankreich, das in seinen verkrusteten Strukturen gefangen bleibt. Die Ruhe um den Euro ist trügerisch. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

 

Erschienen in der BZ am 26. Juli 2014

Claude Chatelain