Standpunkt: Nicht nur Dougan, auch Rohner sollte zurücktreten

Brady Dougan tritt also nicht zurück – noch nicht. Im Vorfeld der gestern veröffentlichten Quartalszahlen wurde verschiedentlich gemunkelt, der CEO der Credit Suisse würde nun seinen Rücktritt bekannt geben. Er tat es nicht, was insofern nicht überrascht, weil Rücktritte nur selten zur gleichen Zeit wie die Publikation miserabler Geschäftszahlen bekannt gegeben werden. Und zweitens verhalten sich Firmenmanager – wie übrigens auch die Politiker – störrisch, wenn die Medien ihre Demission verlangen.

Als im Mai bekannt wurde, dass die Credit Suisse für ihr Fehlverhalten von der US-Justiz zu einer Busse von 2,8 Milliarden Dollar verknurrt wurde, haben selbst bankenfreundliche Gazetten wie die Finanz und Wirtschaft einen Wechsel an der CS-Spitze gefordert. Doch Spekulationen um den Rücktritt von Brady Dougan kursieren schon seit über zwei Jahren. Im Mai 2012 erklärte der Bankanalyst bei der Bank Sarasin dem Landboten: «Die Kritik am CS-Management aus dem Aktionariat hat deutlich zugenommen». Dougan hat die Anlegergemeinde wiederholt enttäuscht. Seine vollmundigen Versprechen blieben Versprechen.

Dies ist insofern bitter, weil Brady Dougan die Grossbank im Unterschied zu etlichen    Konkurrenzbanken  fast schadlos durch die Finanzkrise zu steuern vermochte. Seither hat aber der 54jährige Amerikaner den Umbau der risikoreichen Sparten nicht mit der gleichen Konsequenz durchgezogen wie zum Beispiel die UBS.

Doch der CEO trägt nicht die alleinige Schuld. Wie weit sich eine globale Universalbank nach der Finanzkrise neu zu orientieren hat, basiert auf strategischen Entscheiden. Und für die Strategie ist der Verwaltungsrat zuständig. Daher gerät auch VR-Präsident Urs Rohner wiederholt ins Schussfeld. «Wenn die Dinge aus dem Ruder laufen und die Verunsicherung auf Kunden und Mitarbeiter übergreift, sollte ein verantwortungsvoller Manager seinen Stuhl räumen», schrieb die NZZ vor zwei Wochen, «unabhängig davon, ob ihn ein Verschulden trifft oder nicht.»

Gerade die CS bräuchte dringend Leute an der Spitze, die Vertrauen geniessen. Brady Dougan verdient das Vertrauen nicht, weil er die Situation wiederholt beschönigte. Urs Rohner verdient das Vertrauen nicht, weil er wenig überzeugend und glaubhaft auftritt. Der ehemalige Chefjurist hat schlicht nicht das Format und das Charisma eines — zum Beispiel — Axel Weber, VR-Präsident bei der UBS. Solche Attribute sind aber nötig, um bei einem Institut wie der Credit Suisse die oberste Verantwortung tragen zu dürfen.

Erschienen in der BZ am 23. Juli 2014

Claude Chatelain