Vierte Säule: Wer das Vertrauen in den Euro verstehen will, soll Max Frisch lesen

Jürgen Stark: "Die EU hat kein Konzept."
Jürgen Stark: "Die EU hat kein Konzept."

Die Europäische Zentralbank ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Glauben Sie mir: Es wird genug sein.» Die Worte von EZB-Chef Mario Draghi, gesprochen im Sommer 2012, wirkten Wunder: Die Marktteilnehmer glaubten ihm. Der Euro scheint gerettet. Selbst den Griechen vertrauen Investoren wieder ihr Geld an: Sie rissen sich um die Anleihen, die der griechische Staat im April emittierte, obschon sich Griechenland immer noch in einem desolaten Zustand befindet. Investoren gehen davon aus, dass es Super-Mario schon richten wird, sollten die Griechen wieder ins Trudeln geraten.

 

Vor diesem Hintergrund ist es nicht uninteressant, was Jürgen Stark dazu meint. Der deutsche Ökonom war von 2006 bis 2011 Direktionsmitglied der EZB und sprach jüngst in Zürich an einem Anlass der Axa Asset Management. Stark sagte, dass all die Institutionen, von der Europäischen Finanzstabilisierungsfaszilität über den Europäischen Stabilitätsmechanismus bis zur Europäischen Bankenunion, nur aus der Not heraus entstanden seien. «Die EU hat kein Konzept.» Das heisst: Die EU nimmt eine Form an, wie sie ursprünglich nicht gewollt war. Eigentlich haben sich die EU-Länder im Lissabonner Vertrag auf die Funktionsweise der Union geeinigt. Inzwischen sind aber zwischenstaatliche Abkommen unterzeichnet worden, die laut Jürgen Stark den Vertrag von Lissabon verletzten. «Wir brechen laufend das Völkerrecht», sagt Stark.

Das führt mich zu Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut in München. Er wurde kürzlich in dieser Spalte mit den Worten zitiert: «Die Eurokrise schwelt unter dem Teppich.» Und: «Ich gehe davon aus, dass es zu einem schleichenden Siechtum kommt.» Marktakteure, Politiker und deren Berater wissen, dass die Eurokrise nicht bewältigt ist. Aber sie verhalten sich, als wäre alles im Butter. Ein solches Verhalten ist nicht untypisch. Schon Max Frisch hat dieses Phänomen beschrieben. Nachzulesen im Drama «Biedermann und die Brandstifter».

Erschienen in der BZ am 8. Juli 2014

Claude Chatelain