So hilft die Schweiz jungen serbischen Ingenieuren

Kunstwerk und Aufladegerät in einem:  Der Strawberry Tree  im Tasmajdanski Park von Belgrad.
Kunstwerk und Aufladegerät in einem: Der Strawberry Tree im Tasmajdanski Park von Belgrad.

18 Millionen Franken zahlt die Schweiz für Entwicklungshilfe in Serbien. Eine Frucht dieser Bemühungen heisst «Strawberry Tree». Das Ziel besteht darin, jungen Ingenieuren eine Perspektive zu vermitteln. 

Mitten im Tasmajdanski Park von Belgrad mit schönem Blick auf die Markuskirche steht eine  seltsame Konstruktion. Ist es eine Eisenplastik? Ist es ein Kunstwerk?  Sicher ist, dass das Werk Strawberry Tree genannt wird, keine Ähnlichkeit mit einer Erdbeerstaude aufweist und nicht nur zur Zierde in der serbischen Hauptstadt steht: Der Strawberry Tree ist ein   solarbetriebenes Aufladegerät. Auf dem schrägen Dach befinden sich Solarzellen. Und an einem Eisenbalken hängen zahlreiche Kabel herunter. Eines wird passen, um das  Smartphone oder Computer-Tablet aufladen zu können; gratis und franko. Man leistet damit einen Beitrag an die Energieeffizienz – und spart erst noch Geld damit. Auf neu-deutsch: eine Win-Win-Situation. Auf neu-serbisch dürfte es ähnlich heissen.

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten organisierte jüngst für eine Handvoll Medienvertreter eine Reise nach Serbien, um dort die Bemühungen der Schweiz in der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit  bekannt zu machen. Besagter Strawberry Tree ist eine Frucht dieser Entwicklungshilfe. Er ist eine Erfindung der Start-up-Firma Strawberry Energy. Und die Firma ist Teil eines Gründerzentrums  in Belgrad, mit dessen Hilfe bereits 250 junge Ingenieure einen Job und vor allem eine Perspektive gefunden haben. Die Schweiz unterstützt das  Gründerzentrum mit rund 210 000  Franken  pro Jahr.  Das gesamte  Budget für Entwicklungshilfe in Serbien beläuft sich auf rund  18 Millionen Franken jährlich.

Von den 1,7 Millionen Beschäftigten in Serbien arbeiten 800 000, also fast die Hälfte, für die öffentliche Hand. Die Arbeitslosigkeit wird auf 26 Prozent geschätzt; die Jugendarbeitslosigkeit auf über 50 Prozent. Der durchschnittliche Monatslohn beträgt 360 Euro. Die Frage drängt sich auf: Warum  unterstützt die Schweiz in einem Land mit dieser horrenden Arbeitslosigkeit eine kleine Start-up-Firma  mit einer Handvoll Mitarbeitern? Warum unterstützt sie nicht arbeitsintensive Projekte? «Im Technologiezentrum werden junge, innovative  Ingenieure bei der Unternehmensgründung unterstützt.  Die Idee besteht darin, ihnen  in Serbien eine Perspektive zu geben, sonst wandern sie aus», sagt Isabel Perich, Direktorin des  Swiss Cooperation Office Serbia.  Der Braindrain, also der Abfluss von gescheiten Leuten, sei schlecht für das Land.

Eine Zukunft in Serbien? Das hätten gerne auch ausgewanderte Serben. Und Serbien selber sähe es gerne, wenn die ausgewanderte Elite zurückkäme, wie beim Besuch des Gründerzentrums zu erfahren ist. Isabel Perich weiss von einer Befragung bei der serbischen Diaspora. Die Frage lautet, möchten Sie wieder nach Serbien zurückkommen? Ein Drittel will nicht, weil es ihnen in der neuen Heimat besser gefällt. Ein zweites Drittel verzichtet aus familiären Gründen auf eine Rückkehr, weil zum Beispiel die Kinder in der neuen Heimat eingeschult wurden.  Das  dritte Drittel käme gerne  zurück nach Serbien, wenn es doch nur Perspektiven gäbe, in der alten Heimat wieder Fuss zu fassen,  und eine Existenz aufzubauen.

Warum  ist es für einen ausgebildeten Serben so schwierig, zurück zu kommen, Land zu kaufen und darauf – zum Beispiel – eine Garage zu bauen? «Das Problem fängt schon mit dem Landkauf an. Es herrschen komplizierte Verhältnisse nach dem Balkankonflikt. Aufgrund unvollständiger oder nicht aktualisierter Kataster weiss niemand so genau, wem das Land gehört», erklärt  Isabel Perich, die nun seit zwei Jahren in Belgrad wohnt. Heimweh dürfte die Baslerin nicht bekommen: Jedes dritte Tram Belgrads stammt aus Basel — ebenfalls finanziert von der Schweiz.

«Innovation ist einer der wichtigsten Treiber im  weltweiten Wettbewerb», so Isabel Perich. Gemäss dem globalen Wettbewerbs-Index liegt Serbien  punkto innovativer Kapazität auf dem 133. Rang von 148 bewerteten Ländern. «Gerade im High Tech Bereich gibt es nicht ausgeschöpftes Potential». Daraus lasse sich schöpfen, um den Strukturwandel der  rohstoffabhängigen Wirtschaft voranzutreiben.

1999 bombardierte die Nato Belgrad. Ruinierte Häuser zeugen davon. Doch in Europa dürfte manchem kaum bewusst sein, dass Serbien erst seit 2006 eine parlamentarische Republik ist. Und von aussen betrachtet ist nicht zwingend einsichtig, wie steinig der Weg zur Demokratie sein kann.  «Die Korruption ist eines der grössten Hindernisse für Reformen dieses Landes», sagt Botschafter Peter Burkhard, Leiter der OSZE-Mission in Belgrad. 

Der Strawberry Tree erinnert weder mit seiner Farbe noch seiner Form an die süsse Frucht.  Seinen Namen hat er, weil Erdbeeren im Frühling als erste Frucht zu reifen beginnen, meint der Chef der noch jungen Firma. Die Erfindung ist auch der EU nicht entgangen:. 2011 gewann sie im  Wettbewerb «Nachhaltige Energie-Woche» den ersten Preis. So soll die mit Schweizer Geld finanzierte Erfindung nicht nur in Belgrad zu bewundern und zu nutzen sein. Weitere Werke  mit solarbetriebenen Aufladegeräten stehen in anderen  serbischen Städten wie Novi Sad oder Vranje. Über die Grenze hat es der Strawberry Tree  bisher nur bis Bijelijna  in Bosnien-Herzegowina geschafft.

Erschienen in der BZ am 5. Juli 2014

Claude Chatelain