Vierte Säule: Über das allein seligmachende Wirtschaftswachstum

Mein Vater war ein eidgenössischer Beamte. Er verdiente ordentlich. Die Mutter besorgte den Haushalt. Sie ging nicht etwa deshalb keiner Erwerbstätigkeit nach, weil sie die Kinder unterhalten musste: Mit Lego, Zinnsoldaten, Dreirad und später Trottinett konnten wir uns selber beschäftigen. Doch rüsten, putzen, stricken, flicken und einkaufen zu Fuss war damals ein Fulltime-Job.

Obschon also keine Doppelverdiener, waren wir alles andere als Working Poor. Jedes Jahr verbrachten wir über Ostern zwei Wochen Skiferien in Mürren; im Sommer wanderten wir im Kiental, im Engadin oder in Reit im Winkl. Oder wir machten Strandferien an der Adria oder an der Riviera. Flugreisen lagen finanziell nicht drin. Mit dem Opel Rekord gings über den Susten, dann über den Gotthard, und irgendwo im Tessin übernachtete die fünfköpfige Familie in einem Motel, ehe wir auf der italienischen Autobahn ans Meer fuhren.

Damals gab es viel weniger Gesetze, weniger Vorschriften, weniger Reglemente. Brüssel machte der Schweiz keine Vorschriften, Washington liess die Banken in der Schweiz gewähren, und Zölle schützten die hiesige Produktion.

Damals gab es weniger Invalide, weniger Burn-outs und praktisch keine Drögeler – zumindest nicht auf der Strasse. Dafür leben wir heute länger, am Schluss aber nicht selten dement und im Pflegeheim. Damals gab es keine obligatorische Krankenkasse und keine obligatorische Pensionskasse. Den Beruf des Pensionskassenexperten gab es nicht, weil man damals die Gesetze nicht so kompliziert machte, um Berufsgattungen hervorzuzaubern, die kaum Wertschöpfung erzielen.

Und doch wird männiglich beteuern, dass es der Schweiz heute besser geht. Zahlen lügen nicht: Die Wirtschaft wächst und wächst. Seit 1920 ist das Bruttosozialprodukt jährlich um 4,5 Prozent gewachsen.

Ein Schelm, wer bei diesem eindrücklichen Wirtschaftswachstum an unserem Glück zweifeln möchte.

 

Erschienen in der BZ am 24. Juni 2014

Claude Chatelain