Der Technologiesektor ist zweigeteilt

Die Kursentwicklung einiger Technologiewerte erinnert an die späten Neunzigerjahre. Doch Technologie ist nicht gleich Technologie. Der Markt hat sich zweigeteilt: Value-Werte auf der einen, Wachstumstitel auf der anderen Seite.

Das Wort Technologie sorgt nicht bei allen Privatanlegern für Glücksgefühle. Vielen Anlegern verursacht dieses Wort vielmehr Seelenschmerz. Der Ursprung des Unheils geht in die Jahrtausendwende zurück, als Technologiefirmen das Blaue vom Himmel versprachen. Von einem Paradigmenwechsel war die Rede. Die Investoren liessen sich weder von extrem hohen Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGV) noch von fehlenden marktreifen Produkten abschrecken. Das Wort «Technologie» wirkte wie ein Gütesiegel. Als Folge dieser blinden Euphorie schossen Technowerte in schwindelerregende Höhen, und der technologielastige Nasdaq-Index erzielte einen Rekord nach dem andern.

Der Seelenschmerz

Was folgte, ist eben der Seelenschmerz: Die Blase platzte. Eine Firma nach der andern, die viel versprach und nichts lieferte, ging pleite. Auch Miracle aus Langenthal gehörte dazu. Viel Geld verloren hatten auch die Aktionäre von Kudelski, falls sie es verpassten, die Kursgewinne ans Trockene zu legen. Die Aktie realisierte Ende der Neunziger mehrere Jahre lang die höchsten Kurssteigerungen; heute kostet der Titel noch 15 Franken und ist meilenweit von den 256 Franken des Jahres 2000 entfernt. Der Nasdaq-Composite-Index verlor gegenüber seinem Höchststand im Jahr 2000 in zweieinhalb Jahren 78 Prozent. Sein am 10. März 2000 erzielter Höchststand von 5048 Punkten blieb bis heute unerreicht. Derzeit notiert der Index bei 4300 Punkten. Er spiegelt die Kursentwicklung von über 3000 Unternehmen, freilich nicht nur aus dem Technologiesektor.

So viel zur Geschichte. Steckt dem Anleger immer noch der Schock der Technologieblase in den Knochen? Philipp Siegenthaler, Portfoliomanager bei der Valiant-Bank in Bern, verneint dies und verweist auf das Beispiel Amazon: Vor dem Platzen der Blase kostete die Aktie des elektronischen Buchhändlers 100 Dollar; nach dem Platzen noch 6 Dollar und heute 330 Dollar.

Betrachtet man jedoch die Börsengänge von Google, Twitter oder des chinesischen Detailhändlers JD.com, so sind Parallelen zur Jahrtausendwende nicht von der Hand zu weisen. Und auch die «Finanz und Wirtschaft» spricht in der Samstagsausgabe von einer Goldgräberstimmung im Silicon Valley. Im Tal des digitalen Urknalls herrsche Hochkonjunktur, schreibt das Fachblatt. «In San Francisco erlebt die Technologiebranche einen Boom, der an die Euphorie der späten Neunzigerjahre erinnert.» Jürg Legler beruhigt: «Wir haben heute nicht die horrenden Bewertungen wie vor 15 Jahren», sagt Legler von der Berner Filiale der Banque Bonhôte aus Neuenburg. Dennoch wäre er nicht erstaunt, wenn die Techwerte um 5 bis 10 Prozent korrigieren sollten, was man so oder so nie ausschliessen kann.

Zweigeteilter Technosektor

So hat sich der Technologiesektor laut Philipp Siegenthaler seit der Jahrtausendwende stark verändert und zweigeteilt. Da sind auf der einen Seite die Schwergewichte IBM, Microsoft, Apple oder Oracle, welche die grössten Wachstumsraten hinter sich hätten und zu Value-Titeln mutierten – also zu Aktien mit stabilen Dividenden sowie Aktienrückkaufsprogrammen. Auf der anderen Seite befinden sich im Technologiebereich vielversprechende Titel, bei welchen die hohen Wachstumsraten mit einiger Fantasie begleitet und deshalb mit höheren Risiken verbunden sind. Jürg Legler findet vor allem Internetretailer wie Ebay, Amazon, Priceline, Netflix oder Tripadvisor interessant. Um eine breitere Streuung zu erzielen, empfiehlt er das «Power Shares Nasdaq Internet Portfolio» von Invesco. Mit dem Kauf von Anteilen dieses börsenkotierten Anlagefonds (ETF) investiert man insbesondere in solche Wachstumstitel.

Value statt Wachstum

Laut Thomas Freiburghaus von der Berner Kantonalbank (BEKB) sind gerade die Wachstumsaktien des Technologiesektors wie Facebook, Netflix, Amazon oder Twitter aufgrund des Kurs-Gewinn-Verhältnisses derzeit recht teuer bewertet. Die BEKB setzt daher auf die stabileren Technologieaktien mit Value-Charakter und verfolgt einen sogenannten Core-Satellite-Ansatz: Als Kernanlage empfiehlt die BEKB Anteile des QQQ, also des ETF, der die Kursentwicklung des Nasdaq-100 spiegelt. Daneben – eben als Satelliten – sollten Technologieaktien mit Value-Charakter wie Apple, Microsoft, HP und SAP einen Mehrwert schaffen. Für Ueli Stähli von der Bank EKI in Interlaken ist die Titelselektion gerade bei Technologieaktien von besonderer Bedeutung. Seine Favoriten sind die Technologiefonds von Henderson und DNB, welche in den zurückliegenden Jahren überdurchschnittliche Renditen erzielten. Was einzelne Aktien betrifft, setzt Stähli auf Google: «Diesen Titel muss man haben. Google ist überall präsent. Die Firma ist im Internet eine Benchmark.»

USA-lastig

Wer auf Technologie setzt, setzt auch auf den Aktienmarkt der Vereinigten Staaten. Beim UBS Global Multi Tech beispielsweise beträgt der Anteil von US-Aktien 85 Prozent. Will man sich nicht zu stark auf die USA konzentrieren und eine weltweite Diversifikation erzielen, ist man mit dem Technologiefonds von Lombard Odier gut bedient. Der Anteil von US-Firmen beträgt bei diesem Fonds «nur» 60 Prozent.

 

Erschienen in der BZ am 17. Juni 2014

Claude Chatelain