Besoffene gehören in Ausnüchterungsstellen

Klares Verdikt:  Mit 108 zu 40 Stimmen bekräftigte der Grosse Rat seinen Willen, Ausnüchterungsstellen einrichten zu lassen.

Ruedi Löffel war gestern ziemlich hässig: «Vor dreieinhalb Jahren haben wir die Motion überwiesen, und die Regierung hat seither keinen Finger krumm gemacht», sagte der EVP-Grossrat aus Münchenbuchsee im Grossen Rat. Er meinte seine Motion, wonach der Kanton Bern Ausnüchterungsstellen einzurichten habe wie im Kanton Zürich. Der Grosse Rat überwies die Motion  im Januar 2011 mit 92 zu 46 Stimmen. Doch der Regierungsrat wollte sie abschreiben, was Löffel mit einem Antrag bekämpfte (Ausgabe von gestern).

Ganz untätig schien die Regierung dennoch nicht gewesen zu sein. Sie schrieb, dass man nach einer «Variantenanalyse» zum  Schluss gelangt sei, «dass die Schaffung eines neuen staatlichen Angebots von Ausnüchterungsstellen mit beträchtlichen Kosten sowie mit gesundheitlichen und rechtlichen Risiken verbunden ist». Löffel zeigte dafür kein Verständnis. «Wer besoffen ist, ist kein Pflegefall.» Die meisten, die sich ins Delirium saufen, bräuchten bloss eine Überwachung, keine Betreuung.

Anders sieht das FDP-Grossrat Hans-Peter Kohler (Köniz). «Ich möchte nicht den Entscheid fällen müssen, ob eine bewusstlose Person in eine Ausnüchterungsstelle oder in ein Spital gebracht werden sollte». Kohlers Wort hat Gewicht: Er ist Chefarzt Innere Medizin der Stadtspitäler Tiefenau und Ziegler. Kohler machte darauf aufmerksam, dass häufig nicht allein Alkohol im Spiel sei, sondern auch Drogen oder irgendwelche Substanzen, was zu einem gefährlichen Cocktail führen könne.

Das beeindruckte Löffel nicht: «In Zürich ist in vier Jahren nichts passiert, sonst hätten wir davon gehört». Der Grosse Rat unterstützte Löffels Antrag mit 108 zu 40 Stimmen. Somit erhielt der Regierungsrat erneut den Auftrag, Ausnüchterungsstellen in Betrieb zu nehmen.

 

Erschienen in der BZ am 11. Juni 2014

Claude Chatelain