Aug in Aug mit dem weissen Löwen

Der Ranger fuhr nach dem Geschmack des Journalisten etwas gar nah ans seltene Tier.
Der Ranger fuhr nach dem Geschmack des Journalisten etwas gar nah ans seltene Tier.

Bekannt sind die öffentlichen Wildparks im Norden Südafrikas. Weniger bekannt sind die privaten Parks im Süden des Landes. Zum Beispiel das Pumba Private Game Reserve.

Um 6 Uhr ist Tagwacht. Eine Tasse Kaffee oder Tee, und los geht es im zehnplätzigen Landrover auf die Suche nach wilden Tieren. Schon bald wird man Herden von Antilopen sehen: Impalas, Kudus, Springböcke, Nyalas, Gnus. 22 Antilopenarten soll es im Pumba Private Game Reserve geben. Doch der Ranger hat es auf ein anderes Tier abgesehen: auf den weissen Löwen. Das Weibchen und die zwei jüngeren Exemplare bleiben an jenem Tag versteckt. Auch das dunkle Rudel ist nicht zu sehen. Sein Revier ist am anderen Ende des Parks.

Nur zwei Parks Südafrikas besitzen dieses seltene Tier. Der Pumba in der Provinz Eastern Cape, gut 100 Kilometer nordöstlich von Port Elisabeth, beteiligt sich am Zuchtprogramm weisser Löwen. Das sind keine Albinos. Weisse Löwen sind eine genetische Besonderheit, eine Laune der Natur. Die Natur meint es auch gut mit der vierköpfigen Journalistentruppe aus Österreich und der Schweiz. Der Ranger kann den siebenjährigen Löwen nicht weit von zwei Giraffen aufstöbern. Gemächlich bewegt sich das Tier mit der schönen Mähne auf dem Feldweg, und der Landrover folgt ihm ebenso gemächlich, nur wenige Schritte dahinter. Zu nahe nach dem Geschmack des Löwen, wie er mit einem Fauchen in Richtung des Gefährts bezeugt. Zu nahe auch für den Geschmack des Journalisten, der sich auch schon wohler fühlte als im offenen Landrover, kaum vier Meter von der männlichen Raubkatze entfernt. Der im Pumba aufgewachsene Löwe scheint sich jedoch zum Glück an Touristen gewöhnt zu haben.

Diese Nashörner hatten bisher Glück: Sie blieben bisher von Wilderern verschont.
Diese Nashörner hatten bisher Glück: Sie blieben bisher von Wilderern verschont.

Wilderer killten Nashörner

Weniger Glück hatten drei Weisse Nashörner: Eine Woche vor Eintreffen der Gruppe wurden sie Opfer von Wilderern. «Das ist ein riesiges Problem. Wir sind machtlos», sagt Dale H. Howarth, Mitbesitzer der Port Elizabeth Hotel Group, die auch den Pumba-Wildpark betreibt. Professionelle Militaristen liessen sich von der chinesischen Mafia anheuern. Ein Kilo Horn habe in China einen Marktwert von 100 000 Dollar, meint Direktor Howarth beim Nachtessen in der luxuriösen Pumba Water Lodge. Andere Quellen sprechen von 60 000 Franken, was ebenfalls nicht wenig ist. So oder so: Die Nashorn-Population ist im Pumba-Reservat auf fünf Stück geschrumpft.

Vor zehn Jahren kaufte Dale H. Howarth mit seinem Geschäftspartner acht Farmern das Land mit einer Gesamtfläche von 7000 Hektaren ab. Das entspricht einer Fläche von sieben mal zehn Kilometern. Dann kauften sie die Tiere, welche in jener Gegend im Südosten des Landes entweder ausgerottet wurden oder gar nie heimisch waren. Darunter die Big Five: Elefanten, Büffel, Nashörner, Leoparden und Löwen. Auch Hyänen und Geparde solls im Park geben. An Frischfleisch dürfte es ihnen kaum mangeln. Ob sich der Tierbestand selber reguliert? Die Befragten beteuern es.

Der aggressive Nick: Er soll schon einen grösseren Elefanten und ein Nashorn auf dem Gewissen haben.
Der aggressive Nick: Er soll schon einen grösseren Elefanten und ein Nashorn auf dem Gewissen haben.

Die grossen bekannten Nationalparks Südafrikas befinden sich im Norden des Landes. Mehr und mehr sind auch im südlichen Teil Wildparks, sogenannte Game Reserves, entstanden. Fundamentalisten werden einwenden, private Wildreservate seien bessere Zoos. Unrecht haben sie nicht. Und doch gibt es wenig dagegen einzuwenden: Immerhin müssen die Tiere in einer zumindest halbfreien Wildbahn die Nahrung artgerecht selber jagen. Es geht kein Aufschrei durch eine gesättigte Gesellschaft, wenn sich die Raubtiere an einer Giraffe gütlich tun, wie kürzlich im Zoo von Kopenhagen, oder wenn das Raubtiermännchen das Junge tötet, wie neulich im Bärenpark in Bern.

Zu nahe beim Elefanten Nick

Im Unterschied zu den grossen nationalen Parks, etwa dem Krüger-Nationalpark im Nordosten des Landes, fährt man im Pumba-Reservat nicht auf eigene Faust. Man muss daher bei einem Wasserloch nicht in der Autoschlange anstehen. Die österreichische Journalistin aus Graz, die schon andere Wildparks Südafrikas besuchte: «Die Ranger fahren hier extrem nahe an die Tiere heran.» Extrem nahe fährt der Landrover auch zu Nick, einem angeblich aggressiven Elefantenbullen, der einen anderen, grösseren Elefanten und auch ein Nashorn auf dem Gewissen haben soll.

Das Zimmer in der Pumba Water Lodge.
Das Zimmer in der Pumba Water Lodge.

Rund 700 Franken pro Person

Meistens bleiben die Gäste drei Nächte in einer der beiden Luxus-Lodges mitten im Pumba-Park. Das zweifellos unvergessliche Erlebnis hat freilich seinen Preis: 700 Franken pro Person im Doppelzimmer. Inbegriffen sind drei Mahlzeiten und zwei Fahrten durch den Park. Statt Zimmer sagt man dort Chalets. Alle haben sie einen eigenen kleinen Pool, eine Aussendusche und — wie es ein Gast auf dem Online-Portal Tripadvisor formuliert — «alles, was das Herz begehrt».

Eine Garantie, dass man den weissen Löwen beobachten kann, gibt es nicht. Noch seltener bekommt man Leoparden, Geparde oder Hyänen zu Gesicht. Letztere sind nachtaktiv. Sie wurden auch schon in der Lodge gesichtet. Daher wird bei Ankunft jedem Gast nahegelegt, bei Dunkelheit nach einer Begleitung zu fragen, wenn man sich vom Restaurant ins Chalet begibt.

 

Es müssen nicht immer Tiere sein

Botaniker kommen im Grootbos Private Nature Reserve auf ihre Rechnung. Und auch Gäste, die ihre Ruhe suchen.

 

Im Grootbos Private Nature Reserve gibt es keine gefährlichen Raubtiere, auch keine harmlosen Antilopen. Statt über Zoologie lernt man dort viel über Botanik. 750 einheimische Pflanzen werden in Grootbos gepflegt und gezüchtet. Man lernt, dass die Hottentottenfeige für die Natur sehr wertvoll sei. Bei Feuersbrünsten könnten Schildkröten unter der feuerresistenten Pflanze Schutz suchen. Die 2500 Hektaren grosse Anlage mit Sicht aufs Meer befindet sich an der Walker Bay, zwei Autostunden von Kapstadt zwischen Hermanus und Gansbaai. Von Juni bis Dezember wird man dort Wale beobachten können. Ein anderes, vielleicht nicht ganz tierfreundliches Spektakel nennt sich Haitauchen im Käfig. Man begibt sich im Taucheranzug halb unter Wasser, geschützt in

 

 

einem Käfig, während die Crew auf dem Begleitschiff weisse Haie mit Fischfetzen ködert.

Das Spektakel passt nur bedingt zur Philosophie des Naturreservats Grootbos. Der deutschstämmige Michael Lutzeyer, Gründer und Besitzer des Reservats, hat für seinen Betrieb das Zertifikat der Nichtregierungsorganisation Fair Trade in Tourism erworben. Mit seiner Grootbos-Stiftung betreibt er eine Gartenbauschule für arbeits- lose Jugendliche aus der Re- gion. Jeder Gast hat sein eigenes Häuschen mit zwei grossen Zimmern, grossem Bad und eigenem kleinen Pool im Garten. Wobei sich der ziemlich lange Fussweg vom Restaurant in die entlegene Unterkunft unheimlicher gestaltet als etwa im Pumba Reserve in der Provinz Eastern Cape: Man wähnt sich voll in Busch.

 

Erschienen in der BZ am 23. Mai 2014


Claude Chatelain