«Russland ist immer günstig»

Russische Aktien sind wegen der Krise in der Ukraine noch billiger geworden, als sie es aufgrund der relevanten Kennziffern bereits vorher waren. Ob sich ein Engagement lohnt, hängt nicht nur von allfälligen Wirtschaftssanktionen ab.

«Kaufen, wenn die Kanonen donnern», lautet eine Börsenweisheit. In der Ukraine donnern zwar (noch) keine Kanonen, doch im Osten des Landes sind zumindest Züge eines Bürgerkriegs zu beklagen. Es wird daher niemanden überraschen, dass russische Aktien im Gefolge der Krisen in der Ukraine und auf der Krim unter Druck gerieten. Bemerkenswert ist höchstens der Umstand, dass die Kurse der russischen Aktiengesellschaften nicht noch stärker gefallen sind. Seit Anfang Jahr verloren die russischen Aktien im Schnitt 10 Prozent. Rechnet man die Abwertung des Rubels hinzu, beträgt das Minus rund 17 Prozent.

Thomas Liebi ist Chefökonom bei Swisscanto Asset Management.
Thomas Liebi ist Chefökonom bei Swisscanto Asset Management.

Hohe Dividendenrendite

Russische Aktien sind also noch billiger, als sie eh schon waren. Schon im zurückliegenden Jahr verlor der in Dollar denominierte Leitindex RTS 8,2 Prozent. Für Anleger, die in Franken rechnen, gehörte also die Moskauer Börse zu den grössten Verlierern. «Russland ist immer günstig», konstatiert Thomas Liebi, Chefökonom der Swisscanto Asset Management. Er sagt dies mit Verweis auf die relevanten Kennziffern, die nun seit Anfang Jahr noch verlockender erscheinen als sonst. Zu denken sei an das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 4,5 oder die Dividendenrendite von über 4 Prozent. Gleichzeitig sind Anlagen in russische Aktien eben auch immer mit grossen Risiken behaftet — und dies nicht erst seit den Zerwürfnissen in der Ukraine. «Russische Firmen sind nicht immer effizient geführt und häufig nicht unabhängig von der Staatsführung», bemerkt Thomas Liebi. Deshalb sei etwa die Dividendenzahlung nicht selten vom Goodwill der Regierung abhängig.

Russland auf Ramschniveau

Und dass die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor’s die Bonitätsnote Russlands auf «BBB–» senkte, ist dem Vertrauen in die russische Wirtschaft auch nicht zuträglich. Das Rating liegt damit nur noch knapp über dem Ramschniveau. Begründet wurde der Schritt mit den grossen Kapitalabflüssen aus Russland im laufenden Jahr. Wobei nicht auszuschliessen ist, dass die Rückstufung auch politisch motiviert ist.

Das extrem tiefe KGV von 4,5 ist zu relativieren, als Gewinnschätzungen in Russland gerade in der heutigen Zeit extrem schwierig sind. Wie hoch die Gewinne ausfallen werden, hängt eben nicht nur von der Weltkonjunktur, sondern auch von allfälligen Wirtschaftssanktionen und womöglich auch von den Launen der Regierung in Moskau ab. Sollte der Westen im grossen Stil Wirtschaftssanktionen beschliessen, würde es laut Einschätzung von Thomas Liebi am ehesten die Banken treffen. Diese Meinung vertritt er nicht exklusiv: Pavel Laberko, Fondsmanager bei der Union Bancaire Privée, äusserte sich kürzlich in der NZZ mit ähnlichen Worten. Die russischen Banken sind auf internationales Kapital angewiesen. Umgekehrt sind die westeuropäischen Länder von russischem Gas abhängig. Dies erklärt, weshalb Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel beim scharfen Wortgefecht zwischen West und Ost nicht so recht mitwirken mag. Dies umso mehr, als Russland gerade mit China ein vielversprechendes Gasabkommen unterzeichnen will.

Gazprom, der grösste Energiekonzern Russlands.
Gazprom, der grösste Energiekonzern Russlands.

55 Prozent Energie

Wer russische Aktien kauft, investiert vorab in Gas und Öl. 55 Prozent der Börsenkapitalisierung entfällt auf die Energiebranche. Neben Öl und Gas sind auch Kohle, Eisen und Metalle aus russischer Herkunft begehrt. Das sind alles konjunktursensitive Bereiche. Kommt der globale Konjunkturmotor ins Stottern, schlägt das überdurchschnittlich auf die russische Wirtschaft durch. Das ist auch ein Grund für die starken Kursschwankungen an der Moskauer Börse. Wer also von den gedrückten Kursen profitieren will und daran glaubt, dass die Krise dank der gegenseitigen wirtschaftlichen Abhängigkeit nicht eskalieren wird, kauft zum Beispiel einen börsengehandelten Indexfonds. Solche Exchange Traded Funds (ETF) bilden einen Börsenindex ab. Der bekannteste ist der Russian Traded Index (RTS), der in Dollar denominiert ist. Die Gesellschaften werden im RTS entsprechend ihrer Marktkapitalisierung gewichtet, wobei kein Wert die Obergrenze von 25 Prozent überschreiten darf.

Die ETF der beiden grössten Herausgeber orientieren sich freilich nicht am RTS: Der Ishare Russia spiegelt die Wertentwicklung des MSCI Russia, und der Lyxor bildet den Verlauf des Dow Jones Russia ab. Die Unterschiede sind marginal: Der Anteil Energie liegt bei beiden bei rund 55 Prozent, der Anteil Finanzen bei rund 17 Prozent.

 

Erschienen in der BZ am 13. Mai 2014

Claude Chatelain