Vierte Säule: Was wir von Semmelweis lernen können

Letzte Woche gab der Bundesrat bekannt, dass die Leistungen der anthroposophischen Medizin, der traditionellen chinesischen Medizin, der Homöopathie und der Phytotherapie  von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung übernommen werden sollen.

Die Meldung erstaunt, hat doch das Schweizervolk vor fünf Jahren exakt das verlangt. Doch bisher wollte der Bundesrat die genannten Behandlungsmethoden nur befristet über die Grundversicherung abrechnen lassen. Er tut sich schwer damit, weil der Nachweis der Wirksamkeit, der Zweckmässigkeit und der Wirtschaftlichkeit (WZW) nicht in jedem Fall vollumfänglich erbracht werden könne.

 

Ignaz Semmelweis
Ignaz Semmelweis

Das führt mich zu Ignaz Semmelweis. Der ungarische Arzt im damaligen Österreich-Ungarn setzte sich Mitte des neunzehnten Jahrhunderts dafür ein, dass Ärzte die Hände waschen, bevor sie einen Patienten anfassen. Er sagte, das Kindbettfieber sei häufig auf mangelnde Hygiene bei Ärzten und Krankenhauspersonal zurückzuführen. Beweisen konnte er es nicht. Die Wissenschaft wusste damals noch nichts über Bakterien und deren Rolle bei Krankheiten. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod – er starb an geistiger Umnachtung – erhielt Semmelweis die gebührende Anerkennung.

Die Schulmediziner lehnen alternative Heilmethoden ab, weil sie deren Wirksamkeit nicht mit den eigenen Methoden beweisen können. Sie sind ebenso überheblich wie die Zeitgenossen von Semmelweis, welche seine Bemühungen als spekulativen Unfug ablehnten und die Hygiene als Zeitverschwendung betrachteten.

 

Erschienen in der BZ am 6. Mai 2014

Claude Chatelain