Die OSZE hat in Serbien noch sehr viel zu tun

Das multiethnische Polizeicorps im serbischen Bujanovac. Auf diesem Flecken Erde sind die Albaner in der Mehrheit. Dass sie auch im Polizeicorps vertreten sind, verdanken sie internationalen Bemühungen.
Das multiethnische Polizeicorps im serbischen Bujanovac. Auf diesem Flecken Erde sind die Albaner in der Mehrheit. Dass sie auch im Polizeicorps vertreten sind, verdanken sie internationalen Bemühungen.

Die OSZE hat nicht nur in der Ukraine alle Hände voll zu tun. Viel zu tun hat sie auch in vierzehn anderen Ländern, wo wenig über ihre Arbeit zu lesen ist, zum Beispiel in Serbien. Die internationale Sicherheits-organisation hilft im Süden des Landes unter anderem beim Aufbau einer multiethnischen Polizeischule.

Bujanovac, 45 000 Einwohner, 55 Prozent Albaner, 35 Prozent Serben, 10 Prozent Roma. Nur ein Hotel im Ort, herunterkommen, vis-à-vis ein moderner Glaskasten mit der Aufschrift «Swiss Center», errichtet von einem der vielen in die Schweiz ausgewanderten Einwohnern. In dieser Stadt im südlichsten Zipfel Serbiens hat die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) einiges vor. Davon soll eine fünfköpfige Journalistentruppe aus der Schweiz Zeuge sein. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Die OSZE wird heuer vom schweizerischen Aussenminister Didier Burkhalter präsidiert. Letztmals fiel diese Ehre 1996 dem Tessiner Flavio Cotti zu.

 

Eben in diesem Bujanovac nahe der Grenze zu Kosovo und zur «Ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien», so der offizielle Name, hilft die Organisation beim Aufbau einer multiethnischen Polizei, finanziert mit norwegischem Geld. Nicht nur Serben, sondern auch Albaner und Roma sollen in der Stadt und deren Umgebung für Ordnung sorgen. Eine Selbstverständlichkeit, möchte man meinen. Ist es aber nicht: Jahrzehntelang sorgten ausschliesslich Serben für Ordnung. Dabei ist die albanische Bevölkerung in Bujanovac in der Mehrheit.

 

Stolz und in voller Montur präsentiert sich ein knappes Dutzend Polizisten und eine Polizistin in Reih und Glied und beantworten Fragen der Journalisten. «Ich finde es gut, dass auch Albaner dem Polizeikorps angehören», versichert ein Serbe. «Die Albaner waren gegenüber Gesetzeshütern stets misstrauisch. Wenn nun auch Albaner bei der Polizei sind, gewinnen sie Vertrauen», meint ein anderer. Und die einzige Polizistin sagt: «Ja, ich bin als Frau voll akzeptiert.» Ein Vertreter der OSZE übersetzt das Gesagte ins Englische. Die Polizisten sprechen kein Englisch. Albanische Polizisten müssen als Fremdsprache Serbisch lernen. Einige serbische Ordnungshüter geben an, sich auch im Albanisch zu versuchen. Ein einziger Polizist ist Roma, was aufgrund seiner Hautfarbe leicht erkennbar ist. «Es war ein Bubentraum, Polizist zu werden», schwärmt er auf Serbisch.

Serbischer Lehrer unterrichtet albanischen Schülern Serbisch.
Serbischer Lehrer unterrichtet albanischen Schülern Serbisch.

Seit Jahrzehnten leben Albaner, Serben und Roma auf diesem Flecken Erde, völlig getrennt, in drei Parallelgesellschaften. Der Schweizer reibt sich die Augen. Er ist anderes gewohnt, multikulturelle Schulklassen, wo sich Schweizer integrieren müssen, sind in seiner Heimat keine Seltenheit. Deshalb die Frage an Eric Manton, den Koordinator der OSZE für Südserbien: «Warum um Gottes willen fängt hier die Integration erst im Erwachsenenleben an?» «Moment», sagt der in Manhattan aufgewachsene Amerikaner. «Wir gehen gleich eine Schule besuchen.» Im Minibus gehts an den Stadtrand – und wieder reibt sich der Schweizer die Augen. Besucht wird eine rein albanische Klasse in einer rein albanischen Schule. Das angeblich Besondere daran: Serbische Lehrerinnen und Lehrer bringen albanischen Teenagern Serbisch bei. Finanziert wird das Projekt von der Schweiz.

Noch eine Seltenheit: eine serbische Lehrerin in einer albanischen Schule.
Noch eine Seltenheit: eine serbische Lehrerin in einer albanischen Schule.

Und wieder die Frage an den OSZE-Koordinator in Bujanovac: Warum diese Apartheidpolitik? Warum sind die Klassen oder zumindest die Schule nicht albanisch und serbisch gemischt? «Das kommt, das kommt», beschwichtigt der mit einer Mazedonierin verheiratete Amerikaner. «Sie dürfen nicht vergessen, dass sich diese Leute vor nur fünfzehn Jahren gegenseitig umbrachten.» Animositäten bringe man nicht weg von einem Tag auf den anderen.

 

Der Journalist schreibt in sein Notizbuch: Würde die internationale Gemeinschaft hier nicht solche Projekte finanzieren, so lebten die Leute wie vor dem Krieg: in Parallelgesellschaften, gegenseitigem Misstrauen und in einigen Fällen wohl auch gegenseitigem Hass.

 

Belgrad, Hauptstadt von Serbien und 1999 von der Nato bombardiert. Hier wirkt Peter Burkhard. Der im sankt-gallischen Uzwil aufgewachsene Botschafter leitet die OSZE-Mission in Belgrad. 146 Personen, davon 30 ausländische Experten, sind in Serbien im Einsatz. Sie kümmern sich unter anderem um Reformen im Rechtssystem, Medienfreiheit, Menschen- und Minderheitsrechte, Gleichberechtigung, Bildungsfragen und Umweltschutz.

Die OSZE-Mission in Belgrad wird von einem Schweizer geführt, von Botschafter Peter Burkhard.
Die OSZE-Mission in Belgrad wird von einem Schweizer geführt, von Botschafter Peter Burkhard.

Die Arbeit der Sicherheitsorganisation in einem Satz zusammengefasst: Die OSZE begleitet Länder, die sich in einem Transitionsprozess befinden, auf dem Weg in die Demokratie. «Die Wahrnehmung vom Konzept Demokratie kann hier sehr unterschiedlich sein», erklärt Peter Burkhard in Belgrad. Viele glaubten, «the winner takes it all». Wer gewinnt, hat alle Macht. Dem Journalisten wird einmal mehr bewusst: Der Prozess der Demokratisierung ist langwierig, steinig und viel komplizierter, als man sich das vorzustellen vermag. «Notwendige Gesetze zur Regelung der Medienarbeit sind noch nicht eingeführt», meint Gordona Jankovic, die Chefin des Mediendepartements. Und wo es Gesetze gebe, hapere es bei der Durchsetzung. So führt die OSZE unter anderem Seminare durch für Richter, Staatsanwälte und Pflichtverteidiger. Oder hilft eben beim Aufbau einer multiethnischen Polizeischule wie in Bujanovac. Doch all die verabschiedeten Gesetze und Regelwerke nützen wenig in einem Land, in welchem die Korruption so selbstverständlich ist wie das tägliche Brot. «Die Korruption ist eine der grössten Hindernisse für die Reformen dieses Landes», weiss Botschafter Burkhard.

 

Wie lange wird die OSZE in Serbien noch Unterstützung leisten? Diese Prognose wagt niemand zu machen. Schliesslich hängt dies von Serbien ab. Die Länder sind es, welche die in Wien domizilierte OSZE um Unterstützung bitten. Manchmal verzichtet ein Land auf einen Teil der Unterstützung durch die OSZE und muss später die Sicherheitsorganisation wieder um Hilfe rufen, wie das Beispiel der Ukraine zeigt.

 

Prishtina, Hauptstadt von Kosovo, wo die OSZE mit rund sechshundert Mitarbeitern ihre grösste Mission unterhält. Hier ist die Situation noch komplizierter und noch schwieriger als im benachbarten Serbien. Zahlreiche einflussreiche Länder wie Russland, China, Spanien und Griechenland haben das 11 000 Quadratkilometer grosse, durch Bergzüge eingeschlossene Gebiet noch immer nicht als autonomen Staat anerkannt. Und Belgrad betrachtet Kosovo als eine autonome Provinz Serbiens und übt auf deren serbischstämmige Bevölkerung immer noch grossen Einfluss aus. Die serbische Minderheit, die vorab den nördlichen Teil Kosovos bewohnt, zeigt daher nur geringe Bereitschaft, sich zu integrieren. Weniger als 10 Prozent der rund 1,8 Millionen Einwohner sind Serben.

OSZE-Präsident Didier Burkhalter mit der Schweizer Botschafterin Krystyna Marty in der Fussgängerzone von Prishtina.
OSZE-Präsident Didier Burkhalter mit der Schweizer Botschafterin Krystyna Marty in der Fussgängerzone von Prishtina.

In Prishtina trifft sich der kleine Journalistentross mit Didier Burkhalter, schweizerischer Aussenminister, Bundespräsident und im laufenden Jahr auch Präsident der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Es zeigt sich, dass die Integration nicht bei allen Einwohnern das Hauptproblem darstellt. «Die Jugendlichen machen sich vor allem Sorgen über die fehlenden Berufsaussichten», sagt der OSZE-Präsident. Er kommt eben von einem Treffen mit Jugendlichen beider Ethnien.

 

Im nächsten Jahr wird die OSZE vom serbischen Aussenminister präsidiert. Er kann dies aber nur für jene Missionen tun, bei denen er als Serbe nicht in einem Interessenkonflikt steht. Geht es also um Probleme in Serbien oder in Kosovo, wird der Serbe in den Ausstand treten. Dann wird sein Vorgänger übernehmen. Aussenminister Didier Burkhalter wird sich wohl noch öfters mit dem Balkan beschäftigen müssen.

 

INFOTHEK

Die Sicherheitsorganisation OSZE unterhält derzeit in fünfzehn Staaten eine Mission mit unterschiedlichen Mandaten. Die grösste mit rund sechshundert Mitarbeitern befindet sich in Kosovo. Die OSZE umfasst heute 57

Teilnehmerstaaten von Vancouver bis Wladiwostok, einschliesslich der USA, Kanadas und aller Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

 

Erschienen in der BZ am 6. Mai 2014


Claude Chatelain