Versicherer servieren nur Magerkost

Erneut hat der SMI ein Allzeithoch erreicht. Wer eine Sparversicherung abgeschlossen hat, muss sich aber mit einer niedrigen Rendite zufriedengeben. Schuld ist die tiefe Aktienquote der Versicherungen.

Die Börse boomt. Seit März 2003 hat der SMI um 120 Prozent zugelegt. Kein Wunder, dass auch die Inhaber von Sparversicherungen höhere Renditen erwarten. Ueli Vögelin aus Regensdorf ist einer von ihnen. 1995 hat er bei der Winterthur eine Einmalprämienversicherung abgeschlossen. Mit ihr erhalten die Versicherungsnehmer ein garantiertes Erlebenskapital und allfällige Überschüsse. Doch die Überschüsse, die Vögelin seit 2002 gutgeschrieben worden sind, haben ihn enttäuscht: Sie seien viel zu niedrig. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Winterthur beim Ertrag ihrer Kapitalanlagen so schlecht gearbeitet hat», schreibt er CASH. Von der Winterthur hat er folgende Antwort erhalten: «Wir bedauern, dass sich der Bonus nicht in der Weise entwickelt hat, wie wir dies in unserer Offerte prognostiziert haben.»

Die Höhe der Überschüsse hängt vor allem davon ab, wie viel Geld die Versicherer an den Finanzmärkten machen. In der Offerte sind die Überschüsse nur prognostiziert. Sie müssen nicht so hoch ausfallen wie in Aussicht gestellt. Ohnehin neigen die Versicherer dazu, eher zu optimistische Überschüsse anzugeben, um den Verkauf anzukurbeln. Massgebend ist somit die Rendite des garantierten Erlebenskapitals. Wer heute eine zehnjährige Einmalprämienversicherung abschliesst, kommt auf eine garantierte Rendite von 0,68 Prozent (Vaudoise) bis 1,12 Prozent (Basler).

Die Winterthur ist nicht der einzige Versicherer, der die Kunden enttäuscht. Auch die Policeninhaber anderer Versicherer werden vom Börsenboom nicht viel sehen. Denn leider haben die Lebensversicherer nur wenig Kapital in Aktien investiert. Ende 2005 betrug der Aktienanteil im Portefeuille der Winterthur nur 7 Prozent. Bei der Zürich waren es 7,7 Prozent, bei der Bâloise 6,7 Prozent und bei Swiss Life nur 4,1 Prozent. Den Börsenboom beobachten die Versicherer von der Seitenlinie aus.

Früher war das anders. Vor der Baisse der Jahre 2001 bis 2003 hatten die Versicherer viel höhere Aktienquoten. Bei der Zürich lag sie Ende 2000 bei 23 Prozent. Auch Ueli Vögelin sagt, dass er mit den Überschussgutschriften der Neunzigerjahre zufrieden gewesen sei. «Von 1995 bis 2002 wurde mir ein Leistungsbonus von 40 374 Franken gutgeschrieben, von 2002 bis 2006 waren es nur 1188 Franken.»

Weil die Versicherer in den letzten Jahren gegenüber Aktien so zurückhaltend waren, hängen die Überschüsse weitgehend von den Zinsen ab. Doch diese sind seit Langem niedrig. Auch das drückt die Überschussgutschriften und erklärt, weshalb auch bei den heute abgeschlossenen Einmalprämienversicherungen nur magere Renditen herausschauen. Zwar haben Basler, National und Swiss Life auf den 1. September 2006 die Überschussversprechen nach oben angepasst. Der Grund dafür ist aber nicht der Aktienboom, sondern leicht höhere Zinsen. «Nachdem die Obligationenzinsen in den letzten Monaten gestiegen sind und sie auch längere Zeit auf einem höheren Niveau geblieben sind, haben wir die Überschüsse auf dem Neugeschäft angepasst», erklärt Isabelle Guggenheim von der Basler Versicherung.

Ähnlich äussern sich die Vertreter der Swiss Life und der National. Trotzdem bleiben die Renditen mager. Im besten Fall, also ohne Kürzung der Überschüsse, rentiert eine zehnjährige Einmalprämienversicherung mit 2,14 Prozent im Jahr.

 

Erschienen im CASH am 26. Oktober 2006

Claude Chatelain