Standpunkt: Es fehlt an Arbeitskräften, nicht an Arbeitsplätzen

Die Grossbank UBS widmete sich gestern an einem Medienfrühstück dem Arbeitsmarkt und stellte lapidar fest: «In der Schweiz fehlt es an Arbeitskräften.» Der Grund dieses nicht ganz neuen Befundes liegt weniger darin, dass das Schweizervolk mit dem Ja zur SVP-Initiative die Zuwanderung bremste. Der Grund ist vielmehr demografisch bedingt. Aufgrund der alternden Bevölkerung und einer fallenden Geburtenrate sinkt in vielen Industriestaaten die Erwerbsbevölkerung. Das wird sich in den kommenden Jahren akzentuieren, wenn die Generation der Babyboomer ins Rentenalter kommt.

Warnungen dieser Art gibt es seit über 10 Jahren. Schon im November 2000 erklärte der damalige Chefstratege der Credit Suisse in dieser Zeitung: «Der Arbeitskräftemangel ist sehr akut.» Dass sich der Mangel bisher nicht negativ auswirkte, ist nur der starken Zuwanderung zu verdanken. Aber das wird nicht immer so bleiben: Erstens nimmt die Erwerbsbevölkerung aus den genannten Gründen ab; zweitens will das Schweizervolk keine unkontrollierte Zuwanderung, und drittens machen die europäischen Staaten die gleiche demografische Entwicklung durch, sodass das Reservoir ausländischer Arbeitskräfte auch mal erschöpft sein wird.

Wie die Warnungen sind auch die Rezepte nicht neu: Vor 13 Jahren schrieb der damalige Seco-Experte Aymo Brunetti in der NZZ, dass aus volkswirtschaftlicher Sicht alles getan werden sollte, um Senioren den Verbleib im Arbeitsmarkt so attraktiv wie möglich zu machen. Genau das empfiehlt nun – 13 Jahre später – auch die UBS. Zudem findet die Grossbank, dass auch der Beschäftigungsgrad der Frauen erhöht werden sollte. Die Schweiz habe zwar eine der höchsten Frauenerwerbsquoten. Jedoch betrage der Anteil der Frauen, welche Vollzeit arbeiteten, nur 41 Prozent. Im internationalen Vergleich sei das wenig. Obschon längst bekannt ist, wo der Hebel anzusetzen wäre, ist noch wenig passiert.

Immerhin hat Sozialminister Alain Berset in seinem Reformpaket Altersvorsorge 2020 Massnahmen vorgeschlagen, um Frühpensionierungen weniger attraktiv zu machen. Und was die Beschäftigung der Frauen betrifft, schlägt die UBS «Anreize vor allem für Frauen vor, die aus ökonomischen Gründen nicht unbedingt arbeiten müssten». Die Ökonomen der Grossbank denken vorab an ein durchgängiges und vielfältiges Krippen- und Hortangebot.

Spätestens bei solchen Forderungen stellt sich die Frage, ob die Lebensqualität der Schweizerinnen und Schweizer auch wirklich zunimmt, wenn die Frauen höhere Arbeitspensen bewältigen und die Senioren länger im Arbeitsprozess bleiben. Auf diese Frage müssen Ökonomen passen. Sie orientieren sich nur am Wirtschaftswachstum. Sie tun so, als wäre Lebensqualität und Wirtschaftswachstum ein Synonym. Das ist ein Trugschluss.

 

Erschienen in der BZ am 17. April 2014

Claude Chatelain