Vierte Säule: Hans-Werner Sinn zur schwelenden Eurokrise

"Die Krise des Euroraums ist eine Krise Frankreichs", sagt Hans-Werner Sinn.
"Die Krise des Euroraums ist eine Krise Frankreichs", sagt Hans-Werner Sinn.

Hans-Werner Sinn ist wohl der profilierteste Ökonom im deutschsprachigen Raum. Der 66-jährige Leiter des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung der Universität München gab jüngst im «Beobachter» ein Interview. Auszüge in Kurzform:

 

«Frage: Ist die Eurokrise vorbei?
Hans-Werner Sinn: Nein, sie schwelt bloss unter dem Teppich.

Rechnen Sie damit, dass sie wieder ausbricht?
Ich gehe eher davon aus, dass es zu einem schleichenden Siechtum kommt. Die Lösung der realwirtschaftlichen Probleme der südlichen Länder wird sich noch über lange Zeiträume hinziehen.

 

Das Problem der Südländer?
Sie sind zu teuer. Sie gerieten durch den Euro in eine Kreditblase (…) Wir haben heute in Spanien dreimal so hohe Löhne wie in Polen. Selbst in Griechenland sind sie noch doppelt so hoch. Das ist das fundamentale Problem.

 

Der Hauptfehler?
Die Nichtbeistandsklausel des Maastrichter Vertrages besagt: Hat sich ein Land Geld geliehen und kann dieses nicht zurückzahlen, dann geht es in Konkurs, und der Gläubiger muss verzichten. Diese Regel wurde nie ernst genommen. Hätte man das getan, wären von vornherein nicht so viele Kredite geflossen, und die inflationären Blasen wären gar nicht entstanden.

 

Warum sind Sie dagegen, dass die Europäische Zentralbank Staatsanleihen kauft?
Es ist schlicht eine Verlagerung des Risikos vom Anleger auf den Steuerzahler.

 

Ihre Lösung?
Wir sollten das Spiel beenden, einen grossen Schuldenschnitt machen und die Steuerzahler und Vermögensbesitzer des Nordens zwingen, die Wahrheit zu erkennen.

 

Wer wäre davon betroffen?
(…) Vor allem französische Banken. Die haben im Wesentlichen das Geld auf der Welt aufgesaugt und es nach Südeuropa weitergeliehen. Die Krise des Euroraums ist eine Krise Frankreichs, der französischen Banken und der französischen Industrie, die ihre Produkte weitgehend in diese Länder verkaufte.»

 

Erschienen in der BZ am 15. April 2014

Claude Chatelain