Der Spiessrutenlauf nach dem Tod der Mutter

Braucht man als alleiniger Erbe immer auch eine Bestätigung des Notars, um ans Geld der Mutter zu kommen? Ja, meint die UBS. Nein, sagen BEKB und Valiant.

Will man das Konto der verstorbenen Mutter auflösen, verlangen nicht alle Banken die gleichen Dokumente.
Will man das Konto der verstorbenen Mutter auflösen, verlangen nicht alle Banken die gleichen Dokumente.

Auf den Schmerz folgt die Verzweiflung. Mit anderen Worten: Auf den Tod der Eltern folgt der Spiessrutenlauf bei den Banken. Jüre Hofer, bekannt als Organisator und DJ von Berns dienstältester Disco Eltern John, geschah Folgendes: Der frühere BZ-Redaktor ist einziges Kind und somit alleiniger Erbe. Den administrativen Kram seiner Mutter erledigt er schon längst. Und weil das zu vererbende Vermögen keine 100'000 Franken ausmacht, ist im Kanton Bern kein Steuerinventar erforderlich. Ein einfacher Fall, möchte man meinen. Das Regierungsstatthalteramt Bern-Mittelland anerkennt den 55-jährigen Sohn schriftlich als einzigen bekannten Erben und eröffnet das Erbe. Jüre Hofer zahlt noch die anfallenden Rechnungen seiner Mutter über ihr Konto bei der UBS, bis er sicher ist, dass nichts mehr kommt. Nun möchte er dieses Konto mit einem Sparkonto bei der BEKB zusammenführen.

UBS unterstützt die Notare

Jüre Hofer macht die Rechnung ohne die Juristen der UBS: Die Grossbank pocht auf eine Erbschaftsbestätigung eines Notars. Dies trotz des Schreibens des Regierungsstatthalteramtes, in dem ausdrücklich festgehalten ist, dass kein Notar eingeschaltet werden muss und Jüre Hofer als Erbe anerkannt sei. Auf Anfrage dieser Zeitung erklärt die UBS: «Im Kanton Bern kann einzig der Notar ein öffentlich-rechtliches Dokument ausstellen, welches den Dritten bei Leistungen an die Erben in seinem guten Glauben schützt.» Sie verweist auf Art. 6 EG ZGB in Verbindung mit Art. 559 ZGB. Und in der Tat: Dort steht in schwer verständlichem Deutsch, dass im Kanton Bern das Ausstellen von Erbenscheinen den im Notariatsregister des Kantons Bern eingetragenen Notarinnen und Notaren vorbehalten sei.

Laut BEKB gehts ohne Notar

Mit dieser Antwort geht Jüre Hofer zur Berner Kantonalbank (BEKB). Auch die Berner Staatsbank begnügt sich nicht mit dem Schreiben des Regierungsstatthalteramtes. Doch wenigstens erklärt sie dem erbberechtigten Sohn, wie er sich die hohen Notariatskosten sparen könne. Sie bräuchte lediglich einen Familienregisterausweis und eine Bescheinigung des Berner Erbschaftsamtes, dass kein Testament vorliege.

Valiant gibt sich kulant

Bei der Valiant Bank ginge es noch einfacher: «Valiant zeigt sich in solchen Fällen kulant», erklärt Sprecherin Valérie Bodenmüller. Bei einer Erbsumme unter 100'000 Franken, bei welcher die Inventarpflicht nicht gegeben sei und damit auch keine Erbbescheinigung erfolge, reiche ein Familienbüchlein, in welchem der Todestag vermerkt und vom Regierungsstatthalter abgestempelt sei. «Der Erbe muss bei uns allerdings ein Formular unterzeichnen, in dem er die Richtigkeit bescheinigt und damit auch die Bank für weitere Folgen schadlos erklärt.»

Jüre Hofer
Jüre Hofer

Die Kulanz der Valiant Bank nützt Jüre Hofer wenig. Seine Mutter hatte das Konto bei der UBS. Somit zahlt er dem Notar 216 Franken. Je 50 Franken zahlt er für den Familienregisterauszug und die Bescheinigung des Erbschaftsamtes: «Ich wurde also genötigt, einen zeitaufwendigen und kostspieligen Beweis von etwas zu erbringen, das ich ja bereits von mehreren Quellen schriftlich hatte. Ich empfinde es auch als demütigend, dass es erst eines Notars bedarf, damit die von mir vorgelegten amtlichen Dokumente Gültigkeit erlangen.»

 

Erschienen in der BZ am 8. April 2014

Claude Chatelain