"Wer mit dem Lohn nicht zufrieden ist, soll die Stelle wechseln"

"Es ist falsch, einem 20-Jährigen, der nichts gelernt hat, von Anfang an einen Monatslohn von 4000 Franken zu garantieren. "
"Es ist falsch, einem 20-Jährigen, der nichts gelernt hat, von Anfang an einen Monatslohn von 4000 Franken zu garantieren. "

Migros-Chef Herbert Bolliger will nichts wissen von gesetzlichen Mindestlöhnen, obschon die Migros die Vorgaben schon heute erfüllt. Und was das Westside in Bern-Brünnen betrifft, würde er beim nächsten Mal dem  Architekten etwas mehr auf die Füsse trampen.

Herr Bolliger, kennen Sie CS-Chef Brady Dougan vom frühmorgendlichen Jogging oder aus  der Zeitung?
Herbert Bolliger: Nur aus der Zeitung. 

Wie Brady Dougan sind auch Sie topfit und gehen doch frühmorgens joggen.
Nicht mehr. Ich gehe zwei- bis dreimal pro Woche in unseren Fitnessclub.

Also keine Marathonrennen mehr mit Ihrer Frau?
Nein. Sie ist zu schnell für mich. Zudem erlaubt mein Knie keine Marathonrennen mehr.

Das Knie? Ich glaubte, Sie hätten es satt, stets hinter Ihrer Frau nachrennen zu müssen.
Nicht nur das. Ich war am Ziel auch noch immer deutlich müder als sie.  (lacht)

Sie sind ein leistungsorientierter Mensch. Deshalb werden Sie die Mindestlohninitiative ablehnen: Stimmts?
Ich lehne gesetzliche Mindestlöhne ab, aber nicht weil ich leistungsorientiert bin. Das Festlegen von Löhnen ist Sache der Sozialpartner, damit man auf regionale und branchentypische Unterschiede Rücksicht nehmen kann.

"Es ist nicht entscheidend, was die Konkurrenten für Löhne zahlen."
"Es ist nicht entscheidend, was die Konkurrenten für Löhne zahlen."

Die Migros zahlt ihren ungelernten Mitarbeitern auch 4000 Franken pro Monat.
Weil wir das mit unseren Sozialpartnern so vereinbart haben. Ich bin trotzdem dagegen, dass man Mindestlöhne gesetzlich verankert. Es ist wichtig, dass junge Menschen eine Lehre absolvieren oder eine höhere Schule besuchen. Es ist falsch, einem 20-Jährigen, der nichts gelernt hat, von Anfang an einen Monatslohn von 4000 Franken zu garantieren.

Ein Mindestlohn von 4000 Franken wäre doch im Interesse der Migros. Ihre Konkurrenten, welche Dumpinglöhne zahlen, hätten  höhere Lohnkosten und verlören den Wettbewerbsvorteil.
Es ist nicht entscheidend, was die Konkurrenten für Löhne zahlen. Für mich ist wichtig, wie wir unsere Mitarbeiter entlöhnen. Wenn die Mitarbeitenden anständig bezahlt sind, sind sie auch motiviert und machen einen guten Job. Abgesehen vom Lohn sind aber auch die Sozialleistungen sehr wichtig. Die sind in der Migros überdurchschnittlich.

Stört es Sie nicht, dass gewisse Konkurrenten der Kleiderbranche für ausgebildete Detailhandelsfachleute bloss 3300 Franken bezahlen?
Das muss den betreffenden Mitarbeitenden stören. Wenn ich den Eindruck habe, ich sei ungenügend bezahlt, wechsle ich die Stelle. Wir haben in der Schweiz glücklicherweise keine hohe Arbeitslosigkeit. Wir sind bei der Migros laufend auf der Suche nach guten Detailhandelsfachleuten. 

Der Gewerkschaftsbund präsentierte an einer Medienkonferenz eine 23-jährige Detailhandelsfachfrau. Sie ist stellvertretende Filialleiterin und verdient 3385 Franken im Monat.
Wie gesagt: Wer mit dem Lohn nicht zufrieden ist, soll die Stelle wechseln. Bei uns würde sie – wenn sie gut ist – deutlich mehr verdienen.

Sollte der Bundesrat mehr Kompetenzen erhalten, um die Sozialpartner zu Gesamtarbeitsverträgen zu zwingen?
Nein, das finde ich nicht. Der Staat sollte sich möglichst wenig einmischen. Das Aushandeln von Gesamtarbeitsverträgen muss Sache der Sozialpartner bleiben.

Der Gewerkschaftsökonom Daniel Lampard wirft der Migros vor, keine echte Sozialpartnerschaft zu leben.
Daniel Lampart kennt offenbar die Migros nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Es gibt kein Unternehmen, das eine so ausgeprägte interne Sozialpartnerschaft hat. Bei uns gibt es im Verwaltungsrat des MGB zwei Mitarbeitervertreter. Zudem haben wir mit dem KV Schweiz einen starken, externen Sozialpartner. Unser Gesamtarbeitsvertrag ist vorbildlich, und wir haben die beste Pensionskasse. Entsprechend hoch ist die Mitarbeiterzufriedenheit, die wir regelmässig messen.

David Bosshart vom  Migros-eigenen Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) plädiert im Buch  «The Age of Less» für Mässigung und für weniger Wachstum. Wie verträgt sich das mit der Migros-Politik?
David Bosshart plädiert nicht nur für weniger Wachstum. Er plädiert unter anderem auch für bewussteres Konsumieren. Nach dem Motto «weniger ist mehr». Diesen Gedanken haben wir in unsere Strategie aufgenommen: Qualität statt Quantität.

"Daniel Lampart kennt offenbar die Migros nicht."
"Daniel Lampart kennt offenbar die Migros nicht."

 

Es entsteht der Eindruck, das Migros-Management profitiere kaum von den zukunftsgerichteten Arbeiten des GDI. 
Dieser Eindruck ist falsch. Wir arbeiten eng mit dem GDI zusammen, zum Beispiel an unseren internen Strategie- und Trendforen. Wir versuchen, die vom GDI erarbeiteten Trends in unseren strategischen Überlegungen aufzunehmen und uns rechtzeitig mit diesen Themen zu befassen.

 


David Bosshart gehört  doch zu den Wachstumskritikern, die sagen, in einer endlichen Welt könne man nicht ewig wachsen.
Wir haben in der Schweiz nicht mehr die Wachstumsraten von früher. Doch ein kleines Wachstum braucht jedes Unternehmen. Wenn ein Unternehmen nur noch stagniert oder sogar rückläufige Zahlen aufweist, ist man dauernd am Restrukturieren. Das ist nicht sehr motivierend. Mit Innovationen lassen sich immer wieder Wachstumschancen realisieren. Denken Sie nur an M-Way oder Digitec.


Die Migros ist mächtig. Ist es volkswirtschaftlich wünschenswert, dass sie noch mächtiger wird?
Das wäre sogar sehr gut. Ein Segen für die Gesellschaft. All die Auswüchse, die Sie bei gewissen börsenkotierten Unternehmen beobachten konnten und leider immer noch können, finden Sie bei uns nicht: Wir stellen hohe Ansprüche an unsere Corporate Governance, wir haben keine Lohnexzesse, wir  stellen den Konsumenten ins Zentrum unseres Handelns, unser Auftrag besteht darin, das Allgemeinwohl zu fördern. Stellen Sie sich nur mal vor, wie die Welt aussehen würde, wenn wie die Migros jedes Unternehmen fast ein Prozent des Umsatzes in soziale, ökologische und kulturelle Projekte investieren würde. Wäre das nicht fantastisch?

Zu viel Macht in einer Hand ist immer schlecht.
In einer Hand, ja. Unser Unternehmen gehört aber zwei Millionen Menschen, sprich zwei Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschaftern. Und doch arbeiten wir sehr leistungsorientiert. Wir arbeiten mit einer hohen Produktivität. Und das, was wir erwirtschaften, geben wir weiter in tiefere Preise, bessere Qualitäten oder  in unser kulturelles Engagement.

Sie sprachen von Lohnexzessen. Wie viel verdienen Sie?
Mein Lohn steht im Geschäftsbericht: 2013 waren es 885000 Franken im Jahr.

Die nachhaltigen Bestrebungen fassen Sie unter «Generation M» zusammen. Glauben Sie, die Botschaft ist angekommen?

Die Botschaft ist nicht nur angekommen. Sie ist hervorragend angekommen.

Würden wir hier am Limmatplatz eine Umfrage bei Ihren Kundinnen und Kunden machen, so wüsste nicht die Hälfte, dass «Generation M»  für Ihr Nachhaltigkeitsprogramm steht.
Massgebend ist für mich nicht der Name «Generation M». Das ist nur die kommunikative Klammer. Entscheidend ist, dass die Bevölkerung wahrnimmt, was die Migros alles für die Gesellschaft, für den nachhaltigen Konsum, für die Gesundheit, für die Umwelt und auch für die Mitarbeitenden tut. Das sind die fünf Pfeiler von «Generation M».

Und? Weiss es die Bevölkerung?
Ja. Das wissen wir aus unseren regelmässigen, breit angelegten Kundenbefragungen. Unser nachhaltiges Engagement ist sogar international ein Thema. Wir sind dafür schon zweimal von einer hochkarätigen Jury zum weltweit verantwortungsvollsten Händler des Jahres ausgezeichnet worden. Ich war zweimal in Deutschland, um über «Generation M», eben unser Nachhaltigkeitsprogramm, zu referieren.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        

"Man kann nicht am Eingang zur Stadt blecherne Verkaufskisten aufstellen wie in Lyssach."
"Man kann nicht am Eingang zur Stadt blecherne Verkaufskisten aufstellen wie in Lyssach."

Es genügt nicht, zu sagen, wir machen etwas für die Umwelt. Oder für die Gesellschaft. Was machen Sie konkret?
Was «Generation M» auszeichnet, sind die Versprechen. Wir versprechen, den Stromverbrauch bis 2020 um 10 Prozent zu senken. Wir versprechen, den CO2-Ausstoss um 20 Prozent zu senken. Wir haben einige relevante Versprechen abgegeben, die den nachhaltigen Konsum und die Gesundheit der Bevölkerung fördern. Diese Versprechen fordern uns heraus. Das sind keine Lippenbekenntnisse, nicht einfach lauwarme Zielsetzungen dafür, uns ein grünes Image zu verpassen. Diese Versprechen sind in die Unternehmensstrategie integriert. Wir machen ein halbjährliches Reporting und überprüfen, ob wir auf Kurs sind.

Nicht auf Kurs sind Sie aber mit dem Sorgenkind Interio.
Wir haben das Tal der Tränen passiert und sehen erste Silberstreifen. Seit Mitte letzten Jahres verlieren wir keine Marktanteile mehr. In jüngster Zeit haben wir sogar Marktanteile gewonnen. Die aktuellen Umsätze stimmen mich zuversichtlich.

Was haben Sie konkret vorgekehrt?
Interio ist wieder das, was die Kunden von Interio erwarten: stylish, überraschend und trotzdem preislich attraktiv. Wir haben das Sortiment angepasst. Interio hatte traditionell einen klaren, sachlichen Stil. Stilistisch häufig nahe bei den Topmarken, aber preislich deutlich günstiger.

Ausgerechnet die Migros Aare, die im behäbigen Kanton Bern agiert, gilt als die dynamischste. Wie erklären Sie sich das?
Das Wirtschaftsgebiet der Migros Aare umfasst die Kantone Aargau, Solothurn und Bern. Ich als Aargauer behaupte, es liegt an den dynamischen Aargauern (lacht herzhaft).

Ich schätze Ihren Humor. Sehen Sie noch einen anderen möglichen Grund?
Die Aare hat ausgezeichnete Mitarbeitende und ist sehr gut geführt. Als grösstes Unternehmen gibt sie oft den Takt an, weil sie die Kraft hat, innovative Ideen, Formate und Projekte zu testen.

Von 1998 bis 2005 waren Sie Chef der Migros Aare: Im Nachhinein ist man immer gescheiter: Würden Sie das Westside immer noch bauen?
Das Westside wurde von meiner Vorgängerin Gisèle Girgis und dem damaligen Stadtpräsidenten Klaus Baumgartner aufgegleist. Uns war von Anfang an klar: Wenn man in Brünnen Akzeptanz finden will, muss man etwas Spezielles machen. Man kann nicht am Eingang zur Stadt blecherne Verkaufskisten aufstellen wie in Lyssach. Dass etwas Spezielles auch anspruchsvoll ist, war uns ebenfalls klar. Insbesondere wenn man Freizeit, Kino, Einkauf kombinieren will, braucht es etwas länger, bis es richtig funktioniert. Denken Sie ans 1975 eröffnete Glattzentrum in Wallisellen. Da hatten wir am Anfang auch riesige Probleme.

"Wenn man eine Superrakete anheuert, so lässt man sie gewähren. Doch Herr Libeskind versteht zu wenig vom Detailhandel. Die Superrakete hat ein Supergebäude konstruiert. Aber für den Detailhandel ist nicht alles ideal."
"Wenn man eine Superrakete anheuert, so lässt man sie gewähren. Doch Herr Libeskind versteht zu wenig vom Detailhandel. Die Superrakete hat ein Supergebäude konstruiert. Aber für den Detailhandel ist nicht alles ideal."

Ein Einkaufszentrum sollte auch rentieren. Im Westside hinken Sie dem Businessplan nach.
Die Frequenzen nehmen laufend zu. Aber es dauert etwas länger. Das ist auch der Vorteil der Migros gegenüber einem börsenkotierten Unternehmen. Wir  können etwas länger warten, bis wir Gewinne schreiben. Wir haben etwas mehr Geduld. Ich bin überzeugt, dass das Westside eine gefreute Sache sein wird.

Nemeth-Automobile, Sprüngli und die Douglas-Parfümerie sind nur die aktuellsten Beispiele von Geschäften, die das Westside verliessen. Machen Sie nicht auf Zweckoptimismus?
Einkaufszentren mit einer stabilen Mieterschaft sind selten. Insbesondere am Anfang gibt es viele Geschäfte, die es mal probieren. Dass Sprüngli wieder abspringt, überrascht mich nicht. Sprüngli ist zürcherisch, liegt im höchsten Preissegment. Aber wir haben eine Warteliste von Interessenten. Es besteht kein Grund zur Beunruhigung.

Sie sagen indirekt, das Westside würden Sie wieder bauen. Würden Sie vielleicht das Ganze anders anpacken?
Wenn ich eine Lehre daraus ziehen will: Wir müssten beim nächsten Mal dem Architekten etwas mehr auf die Füsse trampen

Das dürfte schwierig sein. Daniel Libeskind ist ja nicht irgendwer.
Das ist genau das Problem: Wenn man eine Superrakete anheuert, so lässt man sie gewähren. Doch Herr Libeskind versteht zu wenig vom Detailhandel. Die Superrakete hat ein Supergebäude konstruiert. Aber für den Detailhandel ist nicht alles ideal.

Man kann sich fragen, ob es einen Stararchitekten braucht.
Wenn man etwas Besonderes will, nimmt man den Besten. Wir hatten etwa fünf Projekte begutachtet, darunter jene von zwei Schweizern. Ich war in der Jury dabei: Es hat  geknistert, als Daniel Libeskind seine Ideen präsentierte. Ein anderer Stararchitekt, der in Luzern eine grosse Konzerthalle baute (Jean Nouvel, Anm. der Red.) ist mit seinen Ideen zum Beispiel gar nicht angekommen.

Was ist mit der Rodelbahn auf dem Gurten? Wird sie jetzt gebaut oder nicht?
Ich bin kein Spezialist für Rodelbahnen.

Sie sind Stiftungsratspräsident und haben das letzte Wort.
Nein, ich bin nur Mitglied des Stiftungsrats. In dieser Frage schliesse ich mich als Aargauer der Meinung der Berner an.

 

IM GESPRÄCH

Herbert Bolliger sei ein äusserst bescheidener und umgänglicher Typ, wurde dem Journalisten von verschiedener Seite beschieden. Er sollte nicht enttäuscht  werden: Als der Fotograf seine Stellage aufbaute, überlegte der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Präsident der Generaldirektion  des Migros-Genossenschafts-Bundes  (MGB) nicht lange, ob er mit oder ohne Veston besser rüberkomme. Ohne Veston scheint es dem fast 1,90 Meter grossen Manager wohler zu sein. Also hängte der 60-jährige Vater zweier erwachsener Kinder seinen  Kittel, den er  beim Globus ab der Stange kaufte, an den Stuhl. Wie der Anzug, so das Büro: Beim  operativen Chef des mit über 87000 Angestellten grössten privaten Arbeitgebers der Schweiz könnte man sich ein nobleres und geräumigeres Büro vorstellen. Nicht mal die Aussicht vom 19.Stockwerk des Migros-Hauptsitzes am Limmatplatz ist wirklich berauschend, wobei das Zürcher Stadtbild in Richtung Uetliberg wohl auch keine atemberaubende Aussicht hergibt. So oder so passt das bescheidene Chefbüro zu Herbert Bolliger oder eben zu einem Präsidenten der

Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bundes. Auch im Gespräch gibt sich der Aargauer unkompliziert, legt nicht jedes Wort auf die Goldwaage und wirkt authentisch.

Auffallend im Chefbüro sind die zahlreichen, etwas eng gehängten Gemälde moderner Kunst. «Sammelt Herr Bolliger moderne Kunst?» – «Die Werke stammen vom Migros-Museum für Gegenwartskunst», erklärt Monica Glisenti, die Leiterin der Kommunikation. Das Museum enthält eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Schweizer Künstler, finanziert über das Kulturprozent. Doch das auffälligste Bild stammt nicht aus dem Museum: Es ist die farbenfrohe Collage vom Berner Künstler Peter von Wattenwyl, ein Abschiedsgeschenk der Migros Aare. Von 1998 bis 2005 hatte der Aargauer Herbert Bolliger in Schönbühl gewirkt. In dieser Zeit fusionierte er die Genossenschaften Migros Bern und Aargau/Solothurn zur Migros Aare.

Erschienen in der BZ am 24. März 2014


Claude Chatelain