Wo die Sicherheit alles zählt und die Rendite nichts

Versicherungsgesellschaften beklagen einen Rückgang der klassischen Einmalprämien-versicherungen. Erstaunlich ist, dass bei den heutigen tiefen Zinsen überhaupt noch solche Verträge abgeschlossen werden.

1,5 Milliarden Prämienfranken haben die Versicherungsgesellschaften im vergangenen Jahr mit klassischen Einmalprämienpolicen kassiert. Eine enorm hohe Zahl, wenn man bedenkt, dass die notorisch tiefen Zinsen kaum Renditen abwerfen. Zahlt man Nationale Suisse auf einen Schlag eine Prämie von 100'000 Franken, so garantiert die in Basel domizilierte Versicherungsgesellschaft eine Summe von 104'992 Franken, ausbezahlt nach zehn Jahren. Das ergibt eine jährliche Rendite von gerade mal 0,49 Prozent. Sollte der Versicherer die in Aussicht gestellten Überschussanteile zahlen, könnte sich das Kapital auf 109'291 Franken erhöhen. Das ergäbe eine jährliche Rendite von 0,89 Prozent, was auch nicht überragend ist, wenn man bedenkt, dass diese Überschüsse nicht mal garantiert sind.

Makler werden darauf hinweisen, dass Sparkonti noch tiefere Renditen abwerfen. Dem ist entgegenzuhalten, dass kaum davon auszugehen ist, dass die Zinssätze auch in den kommenden zehn Jahren so tief bleiben werden. Auch der Todesfallschutz wirkt kaum als Verkaufsargument: Beim Tod während der zehnjährigen Vertragsdauer erhält die begünstigte Person das garantierte Erlebensfallkapital vorzeitig ausbezahlt. Das zeigt, was Einmalprämienversicherungen vor allem sind: Sparvehikel. Niemand überweist der Versicherungsgesellschaft 100'000 Franken, um eine Todesfallsumme von lediglich 104'000 Franken zu versichern. Der minimale Versicherungsschutz ist so etwas wie ein Alibi, damit das Sparprodukt von steuerlichen Begünstigungen profitieren kann.

Das Kapital gibts steuerfrei

Selbst die steuerlichen Vorteile reissen den kühlen Rechner nicht vom Sockel. Steuerbefreit sind bloss die Zinserträge, die so oder so nur minim ausfallen. Zudem ist die Steuerbefreiung an Bedingungen geknüpft: Nur solche Versicherungsprodukte sind steuerlich begünstigt, welche der Vorsorge dienen. Die Voraussetzung der Vorsorge ist bei der klassischen Einmalprämienversicherungen erfüllt, wenn

 

  1. die Auszahlung nach dem vollendeten 60. Altersjahr erfolgt;
  2. die Vertragsdauer mindestens fünf Jahre beträgt;
  3. der Vertrag vor dem 66. Altersjahr unterschrieben worden ist.


Neben der steuerlichen Erleichterung gibt es aber auch eine steuerliche Erschwernis: die Stempelsteuer von 2,5 Prozent. Im nebenstehenden Renditevergleich ist sie einkalkuliert. Wer um Himmels willen schliesst bei solchen Vorgaben trotzdem eine Einmalprämienversicherung ab? Darauf hört man in der Branche eine Standardantwort: «Wem die Rendite egal, die Sicherheit dagegen wichtig ist.» Wobei man das Geld ebenso gut auf dem Bankkonto lassen könnte.

Starker Vertrieb

Silvio Wernle, beim Vermögenszentrum zuständig für die Region Mittelland, kann sich aufgrund seiner Beratungstätigkeit das hohe Prämienvolumen nicht erklären. «Mir ist kein einziger Fall bekannt, in welchem in den letzten zwei Jahren ein Kunde nach einer Einmalprämienversicherung gefragt hätte», sagt Wernle. 

Auf einen Geldsegen kann man mit dem Abschluss einer Einmalprämienversicherung nicht hoffen.
Auf einen Geldsegen kann man mit dem Abschluss einer Einmalprämienversicherung nicht hoffen.

Roger Ledermann vom Vergleichsdienst Info4insider aus Gümligen verweist dagegen auf wohlhabende Leute, die nicht alles Geld auf der Bank horten wollen, wo nur Ersparnisse bis 100'000 Franken gesichert sind. «Viele reichere Leute wollen einen Teil ihres Vermögens aus Diversifikationsgründen bei einer Versicherung deponieren.»

Doch der grösste Teil der Einmalprämienpolicen wird kaum von hablichen Leuten abgeschlossen. «Die Versicherungen haben einen sehr starken Vertrieb und ein grosses Interesse, solche Produkte zu verkaufen», meint Florian Schubiger von Vermögenspartner aus Winterthur.

Häufig werden Einmalversicherungen auch Leuten verkauft, welche in den Neunzigerjahren solche Verträge abgeschlossen hatten und heute mit der Auszahlung des Erlebensfallkapitals auf eine ansehnliche Summe kommen. Was tun mit dem vielen Geld? Einmalprämienversicherungen abschliessen, wird der Versicherungsberater sagen. Zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer scheinen diesem Ratschlag zu folgen.

 

 

INFOTHEK

Die Schweizer Lebensversicherer haben im vergangenen Jahr Einmalprämienver-sicherungen mit einem Volumen von 2,468 Milliarden Franken verkauft, Tendenz leicht abnehmend (Säulendiagramm). 1,5 Milliarden Franken respektive 61,1 Prozent der Einmalprämienpolicen entfallen auf die im Haupttext beschriebenen klassischen Kapitalversicherungen. Es sind dies Produkte, deren Prämie auf einen Schlag überwiesen wird. Bekannter und auch häufiger sind die periodisch finanzierten Einzellebenversicherungen mit einem letztjährigen Prämienvolumen von knapp 6 Milliarden Franken. Daneben gibt es auch fondsgebundene Policen, welche derzeit weniger gefragt sind (Kuchendiagramm). Hier fliesst die Sparprämie nicht ins Wertschriften-portefeuille des Versicherers, sondern in Anlagefonds. Solche Produkte haben eine gewisse Kursfantasie, dafür keine oder nur geringere Garantien.

Auch Rentenversicherungen können mit einer einmaligen Prämie finanziert werden. Man zahlt der Versicherung eine Prämie und erhält dafür lebenslang eine Rente, auch Leibrente genannt.

Zu dieser Kategorie zählen laut Finanzmarkt-aufsicht auch die Zeitrenten: Man zahlt der Versicherung eine Prämie und erhält für eine bestimmte Zeitdauer eine Rente ausbezahlt, auch Auszahlungsplan genannt.

Unter Kapitalisationsgeschäfte fallen Produkte, die sich zwischen Lebensver-sicherungen und Bankprodukten bewegen. Sie unterscheiden sich von klassischen Lebens-versicherungen dadurch, dass Risiken kaum oder nicht gedeckt werden. Sie profitieren nicht von den Steuerbegünstigungen und werden deshalb auch nicht als Versicherungen bezeichnet.

 

Erschienen in der BZ am 11. März 2014


Claude Chatelain