Vierte Säule: Der Pyrrhussieg der Gewerkschaften

Am Freitag jährt sich zum vierten Mal der grandiose Sieg der Gewerkschaften: Am 7. März 2010 gewannen sie die Abstimmung um den gesetzlichen Umwandlungssatz in der beruflichen Vorsorge. Eine erdrückende Mehrheit — 73 Prozent — lehnte die Kürzung künftiger Renten ab.

Statt den Umwandlungssatz auf 6,4 Prozent zu senken, bleibt er bei 6,8 Prozent. Auf ein Kapital von 100'000 Franken gibt es 6800 statt 6400 Franken pro Jahr. Dumm nur, dass sich die Mitglieder der Gewerkschaften und alle anderen berufstätigen Leute mit der Ablehnung der Rentenkürzung ins eigene Fleisch schnitten. Ins Fäustchen lachen können sich hingegen jene, die vor der Pensionierung stehen und mit ihren Sparbeiträgen nicht die laufenden Renten finanzieren mussten. Sie profitieren nun vom überhöhten Umwandlungssatz.

Die Rechnung ist einfach: Die über die Jahre angelegten Sparbeiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssten die Rente finanzieren können. Da die Leute im Schnitt länger leben und damit länger Renten beziehen, geht die Rechnung wegen des überhöhten Umwandlungssatzes nicht mehr auf. Was macht eine Pensionskasse, wenn das Alterskapital für die Finanzierung der Renten nicht ausreicht? Sie holt das Geld dort, wo sie es holen kann: bei den Versicherten, genauer: bei den Aktivversicherten.

Das merken Sie natürlich nicht, liebe Berufstätige, die fleissig Beiträge entrichten und am 7. März 2010 auf Geheiss der Gewerkschaften Nein gestimmt hatten. Was man nicht weiss, tut einem nicht weh. Denn die Pensionskasse nimmt das Geld nicht von Ihrem Konto, sodass Sie protestieren könnten. Sie wird aber Ihr Guthaben nicht so hoch verzinsen, wie sie das aufgrund der Finanzerträge tun könnte. Sie braucht ein Teil der mit Ihrem Kapital erzielten Renditen, um laufende Renten zu finanzieren. Das nennt man Quersubventionierung. Damit wird Ihr Altersguthaben bei der Pensionierung weniger hoch ausfallen. Weil Sie quersubventionieren mussten, erhalten Sie eine tiefere Rente. Das ist der Preis der Abstimmung vom 7. März 2010. Sie wollten es so. Selber schuld.

Erschienen in der BZ am 4. März 2014

Claude Chatelain