Der Trick mit den Kickbacks

Die Banken stecken die von Fondsgesellschaften kassierten Retrozessionen weiterhin in die eigene Tasche, obschon sie dem Kunden gehörten. Aber es gibt Ausnahmen.

Der Bank EKI ist Transparenz wichtig: Sie schreibt neu ihren Kunden die Kickbacks gut, die sie von Fondsgesellschaften erhält. Stattdessen erhöht sie die Depotgebühr für Anlagefonds. Mit diesem Vorgehen ist die Genossenschaftsbank aus Interlaken zwar nicht ganz, doch fast alleine: In der Schweiz hat sonst noch die Aargauische Kantonalbank mit einer ähnlichen Strategie auf sich Aufmerksam gemacht. Seit Anfang Jahr leitet sie sämtliche Retrozessionen an ihre Kunden weiter. «Die Bank verstärkt damit ihre Unabhängigkeit im Anlagegeschäft», schrieb sie im November 2013 in einer Mitteilung. Diese Unabhängigkeit kann die Berner Kantonalbank nicht unter Beweis stellen: «Im Depotreglement ist festgehalten, dass diese Bestandespflegekommissionen der Bank zustehen und der Kunde darauf verzichtet», erklärt Sprecher Alex Josty.

Valérie Bodenmüller
Valérie Bodenmüller

Etwas weiter ist die Valiant-Bank: «Wir sind intensiv an der Erarbeitung von neuen Modellen, bei welchen keine Entschädigungen von Dritten mehr anfallen», sagt Valérie Bodenmüller. Derzeit sei es noch so, dass die Kunden ohne Vermögensverwaltungsmandat auf allfällige Entschädigungen verzichten.

Auch die UBS behält die Retros weiterhin für sich. Immerhin schaffte die Grossbank für mehr Transparenz, indem auf der Anlageplattform UBS Quotes die Höhe der Vertriebsentschädigungen für das entsprechende Produkt ersichtlich ist. Andere Banken sind bestrebt, vorab retrofreie Fonds anzubieten. «Wir empfehlen häufig ETF», sagt Daniel Pfanner von der Bank EEK. Auf solchen börsenkotierten Anlagefonds gibt es keine Vertriebsprovision. Nur wenn der Kunde einen bestimmten Fonds wolle, welcher der Bank Retros zahle, würden Kickbacks fliessen, bemerkt Pfanner. Pro Kunde seien das häufig nur ein paar Franken. Es wäre unverhältnismässig, diese einzeln dem Kunden gutzuschreiben. Es scheint in der Tat ein Umdenken stattzufinden. Jürg von Allmen von der Saanen-Bank sagt: «Die Fondsgesellschaften sollten den Banken keine Retros zahlen und stattdessen die Managementgebühr senken.» Es sei wenig sinnvoll, den Banken Kickbacks zu zahlen, die diese dann den Kunden gutschreiben müssten.

Der Kunde hat die Wahl

Darauf angesprochen, erklärt ein Vertreter von Pioneer Funds an der Fondsmesse in Zürich. «Wir haben schon längst retrozessionsfreie Fonds mit einer tieferen Managementgebühr.» Es liege an der Bank, ob sie Anlagefonds mit oder ohne Retros kaufen wolle. Der Fondsvertreter sagt jedoch nur die halbe Wahrheit: Wahr ist, dass die meisten Fondsgesellschaften sowohl Fonds mit Retros und einer höheren Managementgebühr wie auch solche ohne Retros und tieferer Managementgebühr anbieten. Unwahr ist aber, dass alle Banken bei allen Fondsgesellschaften retrofreie Tranchen kaufen können. Die retrofreien Produkte, die sogenannten I-Tranchen, sind häufig nur Kunden vorbehalten, welche grosse Umsätze erzielen, namentliche institutionelle Anleger, deshalb der Begriff I-Tranche.

Der Trend heisst retrofrei

«Der Trend geht in Richtung retrofreier Anlagefonds», meint Markus Fuchs, der Geschäftsführer der Swiss Funds & Asset Management Association. Und Beat Amstutz von Swisscanto bestätigt: «Die Anfragen zu den retrofreien Produkten nehmen tendenziell zu.» Schön wäre es, wenn I-Tranchen generell auch für Banken mit einer kleineren Nachfrage offenstünden. Die Alternative wäre ein Verbot. Die Schweiz wäre nicht allein: In England, Dänemark und der Niederlande sind Kickbacks im Fondsgeschäft verboten.

 

 

INFOTHEK

Kauft die Bank im Auftrag des Kunden Anteile eines Anlagefonds, so erhält sie von der Fondsgesellschaft eine Retrozession, eine Art Verkaufsprovision, im Fachjargon Kickback genannt. Die Höhe dieser Vertriebsent-schädigung ist je nach Fondsgesellschaft und Fondstyp verschieden. Im Schnitt dürfte sie für Aktienfonds bei 0,7 Prozent liegen. Sie kann aber auch über 1 Prozent ausmachen. Diese Retros müssten laut Auftragsrecht dem Kunden gutgeschrieben werden. Es sei denn, der Kunde erklärt sich schriftlich damit einverstanden, auf die Vertriebsentschädigung zu verzichten. Wobei die Verzichtserklärung nur dann gültig ist, wenn die Bank die Höhe der Kickbacks quantifiziert. Das ist die von Banken gelebte Praxis. Doch das Vorgehen ist juristisch umstritten: Wenn eine Bank die Kickbacks behalten darf, wird sie der Versuchung erliegen, jene Fondsanbieter vorzuziehen, welche die höchsten Retros zahlen.

Aufgrund solcher Überlegungen hat das Bundesgericht Ende Oktober 2012 einen wegweisenden Entscheid gefällt, welcher in der Bankenszene für einige Unruhe sorgte. Es bekräftigte frühere Entscheide, wonach die Retrozessionen dem Kunden gehörten. Freilich bezieht sich besagter Entscheid auf ein Vermögensverwaltungsmandat (VV) eines UBS-Kunden; für die herkömmliche Anlageberatung gilt er nicht.

Beim VV-Mandat vertraut der Kunde der Bank sein Vermögen an, das sie dann nach bestem Wissen und Gewissen in Aktien, Obligationen oder eben Fondsanteile investiert. Und in der

Bankenprofessorin Susan Emmenegger.
Bankenprofessorin Susan Emmenegger.

konventionellen Anlageberatung bespricht der Berater mit dem Kunden die Strategie und gibt Empfehlungen ab. Den Kaufentscheid fällt der Kunde. «Solange das Bundesgericht keinen entsprechenden Entscheid fällt, werden die Banken die Kickbacks, die sie für eine gewöhnliche Anlageberatung erhalten, nicht weitergeben.» Das erklärte die Bankenprofessorin Susan Emmenegger von der Universität Bern in einem Interview vom 5. Februar 2013.

Die Bankrechtsprofessorin sollte recht behalten: Es macht ganz den Anschein, dass die Bankinstitute – abgesehen von ganz wenig Ausnahmen – nur darauf warten, dass das Bundesgericht den Entscheid vom Oktober 2012 auch auf die herkömmliche Anlageberatung ausweitet. Vorher müsste aber ein Bankkunde eine Klage einreichen. «Wenn ein Kunde eine Bank verklagen will, muss er sehr reich und sehr verärgert sein – über viele Jahre verärgert», sagte Susan Emmenegger.

Erschienen in der BZ am 4. März 2014


Claude Chatelain