Vierte Säule: Börsianer halten sich nicht ans Drehbuch der SVP-Gegner

Haben Sie sich auch gefragt, weshalb die Schweizer Aktien in der vergangenen Woche zugelegt haben? Dabei konnte die Zukunft der Schweiz im Vorfeld zur Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative nicht schwarz genug gemalt werden, sollte der Souverän im Sinne der SVP abstimmen: Die Unternehmen könnten  dann nicht mehr die besten Arbeitskräfte rekrutieren, hiess es. Es werde an Spezialisten fehlen, und die Firmen müssten einen grossen Aufwand betreiben, wenn sie weiterhin ausländische Experten anheuern wollten. Keine rosigen Aussichten für die Unternehmensgewinne.

Der geschätzte Gewinn ist neben dem Zins der wichtigste Einflussfaktor der Aktienkurse. Wenn Analysten die Gewinnschätzung nach unten korrigieren, sinken die Kurse fast automatisch. Demnach hätten wir an der Schweizer Börse  in der letzten Woche ein Debakel erleben müssen, wenn man die Worte  von der Wirtschaft und deren Lobbyisten zum Nennwert nähme.

Offensichtlich hielten sich  die Investoren nicht an das Drehbuch der SVP-Gegner. Sie beurteilen eine kontrollierte Zuwanderung  nicht ganz so negativ für die Schweizer Wirtschaft. Der Swiss-Performance-Index (SPI), der die Kursentwicklung sämtlicher an der Schweizer Börse kotierten Aktien spiegelt, stieg in der vergangenen Woche über 1 Prozent.

Der Deutsche Aktienindex (DAX) stieg in den zurückliegenden Tagen sogar noch stärker. Man könnte daraus schliessen, dass die deutsche Wirtschaft davon profitiert, dass ihre besten Leute nicht mehr in die Schweiz auswandern. Seit Anfang Jahr liegt der SPI um 2,6, der DAX um 1,2 Prozent im Plus.

Natürlich ist die Realität  komplizierter. Man findet immer Gründe für das Auf und Ab an der Börse. Interessant zu wissen wäre, wie der Franken reagiert hätte, wenn er nicht von der Nationalbank manipuliert würde. Ich erinnere an 1992. Am Tag nach dem Nein zum EWR stieg die Nachfrage nach Schweizer Franken. Es war der beste Vertrauensbeweis für die Schweizer Wirtschaft.

 

Erschienen in der BZ am 18. Februar 2014

 

Claude Chatelain