Kim Jong-un baut seine Schwester auf

Nordkoreas Kim Jong-un betraut seine 26-jährige Schwester mit Führungsaufgaben. In Südkorea gibt es kein einziges Foto von ihr.
Nordkoreas Kim Jong-un betraut seine 26-jährige Schwester mit Führungsaufgaben. In Südkorea gibt es kein einziges Foto von ihr.

Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un schanzt seiner jüngsten Schwester Kim Yo-jong Führungsaufgaben in der Partei zu. Wie der Bruder soll auch sie im Liebefeld zur Schule gegangen sein.

Nicht nur der berühmte Onkel des Machthabers Kim Jong-un musste sein Leben lassen. Auch dessen Familie wurde nach Medienberichten ausgelöscht (Ausgabe von gestern). Kim Jong-un ging aller Vermutung nach im Schulhaus Steinhölzli in Liebefeld bei Bern zur Schule. Das war bekannt. Nicht bekannt war, dass auch seine jüngste Schwester in der Gemeinde Köniz eine Grundausbildung genossen hatte – und zwar im Hessgut-Schulhaus. Das will Friedrich-Wilhelm Schlomann wissen, der die Geschehnisse in Nordkorea seit Jahren aufmerksam verfolgt. Der 1928 geborene Schlomann ist Jurist, Journalist und Buchautor. Von 1959 bis 1970 arbeitete er für das Bundesministerium der Verteidigung in der Abteilung Psychologische Kampfführung. Von 1970 bis 1992 war er Redaktor im Abhördienst der Deutschen Welle. In den 90er-Jahren gab Schlomann an der ETH-Zürich Gastvorlesungen zur Deutschen Wiedervereinigung, zu Spionage und über psychologische Kampfführung.

Widerstand der Veteranen?

Nach Schlomanns Informationen wird nun die erst 26 Jahre alte Frau in der nordkoreanischen Hauptstadt Pyongyang aufgebaut, um eine führende Rolle in der Partei zu übernehmen: «Sie könnte schon sehr leicht auf Widerstand der alten Parteiveteranen stossen.» Laut Schlomann ist Kim Yo-jong am 1. September 1988 geboren. Andere Quellen geben als Geburtsdatum den 26. September 1987 an. Woher der 85-jährige Schlomann diese Information hat, gibt er aus verständlichen Gründen nicht preis. Bekannte von Schlomann bestätigen indes, dass er noch immer gute Kontakte zu Geheimdiensten pflege. In einem Artikel mit dem Titel «Das kleine Mädchen vom Hessgut», welcher am 4. Februar 2014 auf Pro Libertate erscheinen wird, schreibt Schlomann, dass die Sicherheitsbehörden in Bern nun untersuchten, ob das Mädchen wie schon ihr Bruder unter falscher Identität auftrat und ob sie «als vermeintliches Kind einer nordkoreanischen Diplomatenfamilie in die Schweiz kam». Pro Libertate ist eine Publikation der rechtsbürgerlichen Vereinigung. Der Berner SVP-Grossrat Thomas Fuchs ist deren Präsident.

Gemeindepräsident bestätigt

Die Schulleitung im Hessgut gibt auf Anfrage keine Antwort und verweist an die Gemeinde. Und Gemeindepräsident Ueli Studer bestätigt, dass Ende der 90er-Jahre Angestellte der nordkoreanischen Botschaft im Hessgut in die Schule gingen. Ob unter richtiger oder falscher Identität wisse er nicht. Laut Schlomann besuchte das Mädchen die Schule im Hessgut «wahrscheinlich in den Jahren 1999 bis 2007». Erst Ende 2011 tauchte sie wieder in Pyongyang auf, wo sie in leitender Stellung in der Öffentlichkeitsabteilung der Staatspartei arbeite, welche die Veranstaltungen von Kim Jong-un vorbereitet. «Sie selbst blieb stets im Hintergrund, in Südkorea gibt es kein einziges Foto von ihr».

Ob Kim Yo-jong tatsächlich bis 2007 im Liebefeld zur Schule ging, muss indes bezweifelt werden. Gemeindepräsident Studer bestätigt lediglich, dass Ende der 90er-Jahre nordkoreanische Kinder die Schulen besuchten. Ob dies auch später noch der Fall war, will er nicht bestätigen, freilich auch nicht dementieren.

Hohe Ämter für Schwestern

Es entspricht der Tradition der Herrscherfamilie, dass der Diktator den Schwestern hohe Ämter zuschanzt. Schon Kim Jong-il, der Vater des aktuellen Machthabers, beförderte seine Schwester zum Viersterngeneral, obschon sie keine militärische Ausbildung genossen hatte. Sie ist die Witwe von Jan Song-theak, der, wie berichtet, von Kim Jong-un hingerichtet wurde. Ebenfalls hingerichtet wurde Ri Su-yong, der 22 Jahre Nordkoreas Botschafter in der Schweiz und damals Kims Vormund war.

 

Erschienen in der BZ am 28. Januar 2014

Claude Chatelain